Keine Täler? Keine Berge!

Deutsch:
Leben ohne Täler ist Leben ohne Berge.
Wer nie ganz unten war, schaut gleichgültig ins Tal.
Leben ohne Zweifel ist Leben ohne Glauben.
Wer niemals sucht und fragt, dessen Antworten sind schal.
(Jürgen Werth, aus dem Musical Josef – Eine Traumkarriere)

Wir, meine Frau und ich, fühlen uns sehr wohl in der Lüneburger Heide. Landschaftlich fehlen uns nur die Berge, daher (aber nicht nur deswegen) fahren wir gern nach Bayern. Nur die Berge? Natürlich auch die Täler, die gehören ja wohl dazu. Nicht nur in topographischer Hinsicht, sondern auch im realen Leben!

Davon singt Jürgen Werth in der zweiten Strophe seines Liedes „Leben ohne Schatten“. Es geht um Höhen und Tiefen, die wohl in keinem Lebenslauf fehlen dürften. Wer aber seine Tiefs zu schnell vergisst, wird – wenn er denn wieder in Hochstimmung ist – die Hochs für selbstverständlich halten. Und er wird nicht sehr viel Empathie jenen gegenüber aufbringen, denen es gerade schlecht geht.

Ähnlich ist es mit Glauben und Zweifeln. Wer glaubt, wird niemals aufhören, zu suchen. Weil Glaube mehr ist als das bloße Fürwahrhalten von Dogmen, von Lehrsätzen. Glauben heißt vertrauen. Vertrauen aber muss ein Leben lang wachsen. Und im Vertrauen erleben wir Höhen und Tiefen.

Wanderer erleben immer wieder, wie aufregend es ist, einen Gipfel im Gebirge zu erklimmen: Wenn man meint, höher ginge es gar nicht, entdeckt man, dass sich dahinter noch höhere Gipfel verbergen, die erklommen werden wollen. Ähnlich verhält es sich mit dem Glauben: Es wird nie der Zeitpunkt eintreten, da wir sagen können: „Fertig! Ich glaube nun genug! Mein Vertrauen kann sich nicht steigern!“

Wir bleiben Suchende und Fragende, wenn wir den Glauben ernst nehmen. Auch diesbezüglich sind Martin Luthers Worte sehr zutreffend: „Wir sind Bettler, das ist wahr!“

Das Lied auf YouTube / neuere Fassung

(3. Strophe folgt im nächsten Beitrag)

 

English:
Life without valleys is life without mountains.
Those who have never been at the bottom look indifferently into the valley.
Life without doubt is life without faith.
He who never seeks and asks, his answers are stale.
(Jürgen Werth) [picture]

Español:
Una vida sin valles es una vida sin montañas.
Quien nunca ha estado en lo más profundo mira con indiferencia hacia el valle.
Una vida sin dudas es una vida sin fe.
Quien nunca busca y pregunta, sus respuestas son rancias.
(Jürgen Werth) [Foto]

Original oder Nachbildung?

Zum x-ten Mal in Segovia (ca. 90 km nordwestlich von Madrid) bewundere ich mit tausenden Touristen aus aller Welt den Aquädukt – Segovias Wahrzeichen und besterhaltenes Zeugnis römischer Architektur auf der iberischen Halbinsel. Der Abschnitt, der (erst) seit 1992 die Stadt verkehrsmäßig teilt, ist ca. 28 m hoch und 728 m lang. Er hat 118 Bögen und stammt aus dem 1./2. Jahrhundert n. Chr. Noch bis 1974 versorgte er die Stadt mit Wasser aus einem über 18 km weit entfernten Fluss. Seit 1985 wird er zusammen mit der Altstadt von Segovia auf der Liste des UNESCO-Welterbes aufgeführt.

Bewundernswert ist die Tatsache, dass die rund 25.000 Granitquader, aus denen der Aquädukt besteht, ohne jegliche Art von Mörtel miteinander verbunden sind!

Oberhalb der drei höchsten Bögen in der Mitte ist eine Nische zu sehen, in der ursprünglich vermutlich eine Statue von Hercules, dem Gründer der Stadt, aufgestellt war. Seit der Zeit der Katholischen Könige (Isabel und Fernando, 16. Jhdt.) steht hier eine Statue der Jungfrau Maria. Im Rahmen der Sanierungen der letzten Jahre wurde auch diese Statue heruntergeholt: Sie war 800 kg schwer! Dabei stellte sich heraus, dass sie in keiner Weise in der Nische befestigt war, sondern das enorme Eigengewicht für die Standhaftigkeit sorgte!

Um spätere Wartungen zu erleichtern wurde allerdings nicht mehr die Originalstatue auf die Nische gehievt, sondern eine Kunststoff-Nachbildung, die im 3-D-Verfahren hergestellt wurde und nur noch 50 kg wiegt. (Die Originalstatue ist im Museum ausgestellt.) Weil Form und Farbe identisch sind, und weil die Statue ca. 25 m hoch steht, wird wohl niemand merken, dass dort oben nicht das Original zu sehen ist, sondern eine Nachbildung.

Als ich davon bei einer Stadtführung erfuhr, musste ich mich unwillkürlich fragen: Wie oft werden wir wohl im Alltag in ähnlicher Form getäuscht? Beim Kauf von nachgeahmten Markenprodukten zum Beispiel. Oder durch irreführende Beschreibungen bei Dienstleistungsangeboten. Oder durch manipulierte Fotos im Internet. Oder durch Fake News. Oder …

Besonders schmerzhaft aber ist es, wenn uns nahestehende Menschen täuschen, wenn sie uns etwas vormachen, was nicht ihrem wahren Wesen und Denken entspricht. Noch schlimmer ist es allerdings, wenn sie selbst nicht merken, dass sie keine Originale mehr sind, sondern sie sich in ihrem Denken völlig den Trends der Moderne angepasst haben.

Wie aktuell ist der Rat, den der Apostel Paulus vor fast zweitausend Jahren den Christen in Rom gab: „Passt euch nicht den Maßstäben dieser Welt an, sondern lasst euch von Gott verändern, damit euer ganzes Denken neu ausgerichtet wird.“ (Römer 12,2) Ich möchte so gern echt sein, und nicht Täuschung. Das sein, was ich denke, und das tun, was ich sage. Wie befreiend, dass Gott mir dabei helfen will; denn ihm kann und braucht kein Mensch etwas vormachen!

  • Bildergalerie von Segovia und La Granja de San Ildefonso i. V.

Keine Schatten? Keine Sonne!

Deutsch:
Leben ohne Schatten ist Leben ohne Sonne.
Wer nie im Dunkeln saß, beachtet kaum das Licht.
Leben ohne Tränen ist Leben ohne Lachen.
Wer nie verzweifelt war, bemerkt das Glück oft nicht.
(Jürgen Werth, aus dem Musical Josef – Eine Traumkarriere)

Dieses Lied von Jürgen Werth, dessen Lieder und Bücher ich sehr mag, spricht mich besonders an. Sicher erlebt jeder Mensch dunkle und traurige Stunden im Laufe seines Lebens. Josef, der Protagonist im Hintergrund, erlebte diese Schattenseiten zuerst im Brunnen (dort wollten seine Brüder ihn verrecken lassen) und später im Kerker (weil er der Verführung einer verheirateten Frau nicht nachgab). Dass er es vom finsteren Brunnen und vom dunklen Kerker eines Tages hinauf bis auf den Posten des Vizekönigs neben dem Pharao Ägyptens schaffen sollte, hätte er nicht zu träumen gewagt.

Ich will lernen, im Schatten nicht zu verzweifeln, die Hoffnung auf das Licht am Ende des Tunnels nicht aufzugeben, Tränen zuzulassen und auf die Tränen meiner Weggefährten zu achten, Augen und Ohren aufzutun – um das Aufgehen der Sonne nicht zu verpassen. Wie gut, dass ich auf diesem Weg mit einem treuen und hilfsbereiter Begleiter rechnen darf:

„Der HERR ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen. Er weidet mich auf saftigen Wiesen und führt mich zu frischen Quellen. Er gibt mir neue Kraft. Er leitet mich auf sicheren Wegen und macht seinem Namen damit alle Ehre. Auch wenn es durch dunkle Täler geht, fürchte ich kein Unglück, denn du, HERR, bist bei mir. Dein Hirtenstab gibt mir Schutz und Trost.“ (Psalm 23,1-4 Hfa)[/nx_pullquote]

Das Lied auf YouTube / neuere Fassung

(2. Strophe folgt im nächsten Beitrag)

 

English:
Life without shadow is life without sun.
Those who have never sat in the dark hardly notice the light.
Life without tears is life without laughter.
Those who have never been desperate often do not realize happiness.
(Jürgen Werth) [picture]

Español:
Una vida sin sombras es una vida sin sol.
Quien nunca ha estado en la oscuridad apenas percibirá la luz.
Una vida sin lágrimas es una vida sin risas.
Quien nunca se ha sentido desesperado, dificilmente valorará la felicidad.
(Jürgen Werth) [Foto]