Archiv der Kategorie: Nachdenkliches

Grenzenlose Freiheit?

Zahme Vögel träumen von Freiheit. Wilde Vögel fliegen! (Foto: GhiblyCalimero, pixabay)

Mancher versteht unter „Freiheit“ die Möglichkeit, alles zu tun oder zu lassen, was ihm gefällt bzw. nicht gefällt. Schon wenn man über die Folgen einer so verstandenen Freiheit nachdenkt, dürfte einem klarwerden, dass diese Definition nicht stimmen kann: Die Entscheidung, auf der Autobahn entgegen der vorgeschriebenen Fahrtrichtung zu fahren, trifft nicht jemand, der seine Freiheit auskosten will, sondern der lebensmüde (oder betrunken) ist.

Für ein Nachdenken über dieses Thema kann die Unterscheidung zwischen Willens- und Handlungsfreiheit hilfreich sein. Der freie Wille, mit dem Gott uns als Menschen erschaffen hat, ist eines unserer größten Vorrechte als Geschöpfe. Unseren freien Willen zu respektieren ist dem Schöpfergott so wichtig, dass er sowohl den Sündenfall im Himmel (Luzifer entschied sich für die Rebellion und wurde zum Satan) als auch den Sündenfall im Paradies (Adam und Eva wollten sich von Gott emanzipieren und so sein wie er) in Kauf nahm. Dafür, dass wir uns als Sünder (wieder) für Gott und für ein Leben in Gemeinschaft mit ihm entscheiden können, bezahlte er einen hohen Preis: den Tod seines Sohnes Jesus Christus am Kreuz!

Was die Handlungsfreiheit betrifft, so ist nicht der Mensch wirklich frei, der alles tut, was ihm in den Sinn kommt. Wirklich frei ist, wer ohne äußere und innere Zwänge sich dafür entscheidet, im Einklang mit seiner Berufung als Geschöpf Gottes und in Harmonie mit dem Plan des Schöpfers für sein Leben zu handeln.

Wer mit seinem Wagen fliegen will, mag sich sehr frei fühlen, wird aber eine schmerzhafte Lan-dung erleben, weil der Wagenhersteller diese Verwendung nicht vorgesehen hat. Und wenn eine Lokomotive die „grenzenlose Freiheit“ suchen, aus den Gleisen springen und querfeldein fahren wollte, würde das zur Katastrophe führen: Die Gleise wurden vom Erfinder nicht dazu geschaffen, die Bewegungsfreiheit des Zuges einzuschränken, sondern eine gefahrlose und zügige Fahrt zu ermöglichen.

Nur wenn uns Jesus Christus frei macht – von den Bindungen an die Sünde, aber auch von falschen Vorstellungen bezüglich eines Lebens in Freiheit -, werden wir uns voll entfalten und nach und nach das verwirklichen, wozu er uns letztlich geschaffen hat (nachzulesen im Johannesevangelium 8,36):

Wenn euch nun der Sohn [Jesus Christus] frei macht, so seid ihr wirklich frei. 

An Oscar Schindlers Grab

Nach seinem Tod am 9. Oktober 1974 in Hildesheim fand Oskar Schindler auf seinen Wunsch hin seine Ruhestätte in Jerusalem. (Foto: edp)

Nach einem langen Fußweg fand ich ihn endlich: den Franziskanerfriedhof am Zionsberg. Als ich vor zwei Jahren eine Woche in Jerusalem verbrachte, nahm ich mir vor, das Grab von Oskar Schindler zu besuchen. Nun stand ich davor und las: „OSCAR SCHINDLER, 28.4.1908 – 9.10.1974, Der unvergessliche Lebensretter 1200 verfolgter Juden“. Dazwischen in hebräischer Schrift: Chaside umot ha-olam (Deutsch: Gerechter unter den Völkern der Welt). Um die Inschrift herum lagen Dutzende Steine (statt Blumen, nach jüdischem Brauch).

Die Geschichte über die Rettung der Juden vor dem Tod in Auschwitz und anderen Lagern dürfte recht bekannt sein – vor allem durch den Film „Schindlers Liste“, der 1993 uraufgeführt wurde. Der Schwarz-Weiß-Film endet in Jerusalem mit der Szene in Farbe, in der die Überlebenden und Nachkommen der von Schindler geretteten Juden Steine auf sein Grab legen.*

Während ich die Stille genoss, über Schindlers Tat nachdachte und die wunderschönen Blumen zwischen den Gräbern bewunderte, kam mir eine Frage in den Sinn: Was würde hier auf diesem Friedhof passieren, wenn Jesus gerade jetzt wiederkäme? Die Bibel berichtet darüber, dass bei der Wiederkunft Christi die Toten auferstehen werden, und zwar jene, die in das ewige Leben eingehen dürfen. (Die anderen werden erst tausend Jahre später auferstehen, um gerichtet zu werden.) Würde Oskar Schindler bei dieser (ersten) Auferstehung aus dem Grab herauskommen? Würde er folgende Worte aus dem Mund von Jesus hören? (Aus Matthäus 25,40 nach der Neues Leben Bibel):

Der König wird ihnen entgegnen: „Ich versichere euch: Was ihr für einen der Geringsten meiner Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr für mich getan!“ 

Und was würde Jesus zu mir sagen?

Die Antwort auf diese Fragen kennt nur Gott selbst. Denn er wird sich weder bei Oskar Schindler noch bei mir davon beeindrucken lassen, was wir Gutes getan haben, wenn es um die Entscheidung geht, ob wir die Ewigkeit mit ihm verbringen dürfen oder nicht. Das ewige Leben erhalten wir als ein Geschenk, nicht als eine Belohnung. Aber die Liebe, die wir von Gott bekommen, will und kann uns befähigen, in jedem Menschen auch heute einen Bruder und eine Schwester von Jesus zu erkennen.

*  https://youtu.be/BFP4dDheqHY

Im Stau

Ich weiß, dass ich so etwas nicht ständig erwarten darf, daher war der Tagesablauf am Donnerstag vor zwei Wochen ein besonderer: Ich konnte erleben, wie Gott gleich zweimal meinen Zeitplan positiv beeinflusste.

Wir hatten geplant, den Wocheneinkauf am Vormittag zu erledigen. Aufgrund meines etwas verspäteten Morgenlaufs beschlossen wir dann, den Einkauf auf den Nachmittag zu verschieben (ich musste um 14 Uhr zum Zahnarzt). So konnte ich am Vormittag weiter an einem Buchprojekt arbeiten. Da klingelte das Telefon und unsere Sanitärfirma fragte, ob innerhalb der nächsten 30 Minuten der Installateur kommen könnte, um das beschädigte Waschbecken auszutauschen. Seit Wochen hatte ich auf einen Rückruf mit einem Terminvorschlag gewartet. Ich dachte schon, sie hätten uns vergessen, da kommt nicht ein Terminvorschlag, sondern gleich der Installateur persönlich. In der Zeit, in der wir nach der ursprünglichen Planung beim Wocheneinkauf gewesen wären!

Im Stau wird meine Geduld in der Regel sehr strapaziert! (Foto: nile, pixabay)

Nun ging es darum, den Zahnarzttermin um 14 Uhr wahrzunehmen. Ich wäre pünktlich angekommen, hätte ich nicht plötzlich in einem Stau gesteckt, der einen ganzen Stadtteil lahmlegte. Aufgrund eines Unfalls sperrte die Polizei eine Straße und die wenigen Umleitungsmöglichkeiten waren aussichtslos verstopft. Um 14:05 Uhr erreichte ich vom stehenden Auto aus die Sprechstundenhilfe und fragte, ob es noch Sinn mache, dass ich 20 Minuten zu spät ankomme, oder wir lieber einen neuen Termin vereinbaren sollen. „Kommen Sie nur, die Patientin, die nach Ihnen dran wäre, hat abgesagt!“ Ich konnte mir als Erstes einen „Wunderbar!“-Ausruf nicht verkneifen. Als Zweites habe ich noch im Auto Gott dafür gedankt, dass er mir aus dieser Patsche so herausgeholfen hat.

Ach ja: Ich habe mich bei Gott auch dafür bedankt, dass ich für meine Verhältnisse relativ gelassen geblieben war. Das erinnert mich an einen Spruch des weisen Salomo (in Spräche 14,29 nach der GNB):

Ein Mensch, der ruhig bleibt, zeigt, dass er Einsicht hat; wer aufbraust, zeigt nur seinen Unverstand.

Dieses Ruhigbleiben war keinesfalls meine Leistung, sondern eine Zugabe, mit der mich Gott an diesem Donnerstag beschenkt hat!

Fuhr Jesus Ente oder Porsche? (Teil 3)

Sich im schönsten Licht zu präsentieren ist eine durch und durch menschliche Neigung. Kommt diese bei einer Person auffallend vor, greifen wir zu markanten „Labels“: Angeber, Prahler, Blender, Hochstapler …

Jeder Mensch freut sich darüber, die Aufmerksamkeit und Anerkennung anderer Menschen zu bekommen. Manche sind allerdings süchtig danach: Sie müssen immer im Mittelpunkt stehen und leiden besonders, wenn sie im Vergleich zu anderen nicht als die Größten und Fähigsten abschneiden. Wir sprechen dann von Geltungssucht oder Profilneurose.

Mit dem Wissen und Können anzugeben dient der Selbsterhöhung. Genau das Gegenteil davon zeichnete Jesus Christus, den Mensch gewordenen Sohn Gottes, aus (Philipperbrief 2,6-8 nach der Übersetzung Hoffnung für alle): „Obwohl er in jeder Hinsicht Gott gleich war, hielt er nicht selbstsüchtig daran fest, wie Gott zu sein. Nein, er verzichtete darauf und wurde einem Sklaven gleich: Er wurde wie jeder andere Mensch geboren und war in allem ein Mensch wie wir. Er erniedrigte sich selbst noch tiefer und war Gott gehorsam bis zum Tod, ja, bis zum schändlichen Tod am Kreuz.“

„Er erniedrigte sich selbst“: Mensch, Sklave, Verbrechertod! Das ist exakt das Gegenteil von Selbsterhöhung! Wie ich im zweiten Teil ausführte, tauschte er sozusagen seine göttliche Allmacht (die Porsche-Stärke) mit der menschlichen Ohnmacht (die Ente-Schwachheit). Und gerade weil er mit seinem Wissen und Können hätte auftrumpfen können, versuchte der Gegenspieler Satan immer wieder, ihn dazu zu verleiten.

Interessanterweise ähnelten die erste und die letzte Versuchung einander sehr. 40 Tage nach seiner Taufe leitete Satan die erste Versuchung in der Wüste mit den Worten ein: „Bist du Gottes Sohn …“ (dann mache aus diesen Steinen Brot; Matthäus [Mt] 4,6). Hätte Jesus das Wunder getan, so wäre das keinesfalls ein Versuch gewesen, anzugeben, denn er war Gottes Sohn! Er tat es aus mindestens zwei Gründen nicht: Zum einen, weil er sich auf eine Stufe mit uns Menschen stellen wollte. Zum anderen aber, weil er es nicht nötig hatte zu beweisen, wer er war oder was er konnte. Denn der Vater hatte sich 40 Tage zuvor klar zu ihm mit den Worten bekannt: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ (Mt 3,17) Jesus musste das Wunder nicht tun, weil ein Größerer, sein Vater, der Herrscher des Universums, ihm seinen Wert bereits bescheinigt hatte: Du bist mein Sohn, ich freue mich von Herzen über dich.

Und wie war es bei seiner großen letzten Versuchung, kurz bevor er den Verbrechertod am Kreuz starb? Man beachte die Ähnlichkeit im Wortlaut: „Hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz!“ (Mt 27,40) Hätte er vom Kreuz heruntersteigen können? Sicher: Ein gedankliches Fingerschnipsen hätte genügt, um 12 Legionen Engel aus dem Himmel zu seiner Befreiung anzufordern (Mt 26,53) – das wären 36.000 bis 72.000 Engel gewesen! Warum tat er es dann nicht? Wieder aus zwei Gründen: Erstens, weil er nichts zu beweisen hatte, denn der Vater hatte ihm auf dem so genannten Verklärungsberg wieder bestätigt: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ (Mt 17,5) Wenn der Vater sich zu ihm bekennt, dann ist das die höchste Anerkennung – eines weiteren Beweises bedarf es nicht.

Aber es gab einen zweiten, gewichtigen Grund: Wäre er ausgestiegen, wäre der Plan zur Rettung der Menschen aus dem Machtbereich Satans gescheitert. Wir wären alle verloren. Für immer!

Jesus hätte heruntersteigen können und nicht alle Nägel der Welt hätten ihn daran hindern können. Es war seine Liebe zu mir und zu dir, die ihn am Kreuz hielt, damit wir nicht den Tod für die Ewigkeit erleiden müssen. Welch eine riesengroße Liebe!

Jesus wäscht Petrus die Füße. BU: Jesus wäscht Petrus die Füße. Skulptur vor dem LivingWell Center in Silver Spring, MD, USA. (Foto: edp)

Einige Stunden vor seiner Kreuzigung erniedrigte sich Jesus zum Sklavendienst, als sich vor dem Abendmahl kein Diener fand, der die schmutzigen Füße der Jünger hätte waschen können. Und warum tat er das? Es wird im Johannesevangelium Kapitel 13 beschrieben (hier die Verse 3ff. nach der Neues Leben Bibel zitiert):

Jesus aber wusste, dass der Vater ihm uneingeschränkte Macht über alles gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott zurückkehren würde. Er stand vom Tisch auf, zog sein Obergewand aus, band sich ein Handtuch um die Hüften und goss Wasser in eine Schale. Dann begann er, seinen Jüngern die Füße zu waschen …

Jesus war sich nicht zu schade, diesen Sklavendienst zu verrichten, weil er wusste, wer er war, woher er kam und wohin er gehörte! Dieses Wissen: Ich bin ein wertvolles Kind Gottes, zu einem hohen Preis von Jesus Christus gerettet; ich bin kein Produkt einer blinden Evolution, sondern komme von Gott und werde eines Tages auch zu ihm zurückkehren und für immer bei ihm wohnen – dieses Wissen kann uns von jeglicher Geltungssucht oder Profilneurose heilen bzw. davor bewahren, wenn wir täglich daran denken und Gott dafür danken!

In die Schusslinie geraten

Kaum hatte ich während meines Nordic Walking-Morgenlaufs den wunderschönen Waldweg betreten, hörte ich eine laute Männerstimme rufen: „Sie, junger Mann, was Sie tun, ist lebensgefährlich. Kehren Sie sofort um!“ Durch das Dickicht suchte ich nach der warnenden Person: In der Lichtung nebenan stand auf einem kleinen Jägerstand ein Wächter (oder war es ein Jäger?). „Haben Sie nicht die Straßensperre gesehen?“, fragte er. „Nein“, antwortete ich, „ich komme nicht von der Hauptstraße, sondern vom Feldweg, der direkt hier in diesen Waldweg führt.“ „Gehen Sie den Weg zurück, den Sie gekommen sind!“

Das tat ich dann auch, bog aber dann zur Hauptstraße ab und sah sie dort stehen: die Sperrbaken und die Wachposten, die Spaziergänger und Jogger hindern sollten, den gesperrten Bereich zu betreten. Ich fragte, was los sei, und sie erklärten mir, dass dort heute auf Wildschweine geschossen werde.

Etwa 80 Menschen beteiligten sich an der „Drückjagd“. (Foto: edp)

Ich trat den Heimweg an und sah später ca. 100 Meter von unserem Haus eine Truppe von Treibern, die mit Hunden und Rufen versuchten, die Wildschweine aus dem Wohngebiet heraus zu scheuchen, um sie dann auf den offenen Feldern abzuschießen. Mittags las ich dann in der Zeitung die Meldung mit der Warnung an die Anwohner unseres Stadtteils, das Jagdgebiet zu betreten. In unserem Ort fühlen sich nicht nur rund 3.000 Menschen wohl, sondern auch mehr als 100 Wildschweine. Diese wühlen und pflügen sich durch Vorgärten, den Spiel- und den Bolzplatz.

Meine Frau bekam einen Schreck, als ich ihr davon erzählte. Und ich nahm mir vor, die Tageszeitung möglichst nicht erst abends zu lesen.

Es wäre natürlich töricht von mir gewesen, hätte ich den Warnruf ignoriert und darauf bestanden, meinen Lauf durch den herbstlich herrlich gefärbten Wald fortzusetzen. Ich wäre dann in der möglichen Schusslinie geblieben und hätte mich so mutwillig in Lebensgefahr gebracht.

Durch die Loslösung von unserem Schöpfergott („Sündenfall“) sind wir Menschen tatsächlich in ein vom Feind Gottes besetztes Gebiet geraten, das höchst gefährlich ist. Die Bibel warnt die Menschen nicht nur vor den Verführungen und Gefahren, sondern ruft uns immer wieder dazu auf, umzukehren, so wie damals die Israeliten (z.B. in Hesekiel 33,11 GNB):

„Darum kehrt um, kehrt schleunigst um! Warum wollt ihr in euer Verderben laufen, ihr Leute von Israel?“

Unsere Welt gleicht immer mehr einem Minenfeld. Nicht nur weil der Boden unter unseren Füßen aufgrund der Umweltzerstörung immer wackeliger wird, sondern auch weil durch die Verrohung der Sitten, verbreitet (auch verstärkt?) durch die Neuen Medien, schwer aufzuhalten ist. Wer sich dem warnenden Ruf Gottes bewusst verschließt und so weiter macht, als könnten Wissenschaft und Politik auf diesem Planeten das verloren gegangene Paradies wiederherstellen, handelt nur töricht. So wie es töricht von mir gewesen wäre, den Warnruf im Wald zu ignorieren und weiter zu marschieren.

Weltweit haben sich Millionen von Christen entschieden, zum Schöpfergott umzukehren und sich von ihm Orientierung und Kraft zu holen, einen besseren Weg zu gehen: den Weg von und mit Jesus Christus. Nachdem er sich mit einem Hirten verglichen hatte, der für seine Schafe, seine Nachfolger, liebevoll sorgt, sagte er: „Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie, und sie folgen mir. Ihnen gebe ich das ewige Leben, und sie werden niemals umkommen. Keiner kann sie aus meiner Hand reißen.“ (Johannes 10,27 Hfa) Ein wunderbares Versprechen!

Fuhr Jesus Ente oder Porsche? (Teil 2)

„Gib Gas! Es ist grün!“ (Foto: music4life, pixabay)

 

An der mehrspurigen Kreuzung warten eine Ente (ein Citroën 2CV) und ein Porsche nebeneinander bei roter Ampel. Es wird grün. Für welchen Fahrer wird die Versuchung wohl größer sein, bei grün aufs Gaspedal zu treten, um davon zu brausen?

Als Jesus Christus den Himmel verließ, um Mensch zu werden und unter uns zu wohnen und zu wirken, tauschte er sozusagen seine göttliche Allmacht (die Porsche-Stärke) mit der menschlichen Ohnmacht (die Ente-Schwachheit) – darüber schrieb ich im ersten Teil. Der Schöpfer und Erhalter des Universums war als hilfloses Baby völlig von der Fürsorge seiner Eltern abhängig – wie jeder von uns. Natürlich ließ sein Erzfeind Satan (der gefallene Engel Luzifer) keine Gelegenheit aus, ihn zu vernichten oder zumindest zu verführen.

Im Hebräerbrief 2,18 steht (nach der Übersetzung Hoffnung für alle):

Denn weil er [Jesus] selbst gelitten hat und denselben Versuchungen ausgesetzt war wie wir Menschen, kann er uns in allen Versuchungen helfen.

Die Quantität der Versuchungen kann damit nicht gemeint sein, denn sicher wurde Jesus niemals versucht, sich einen Pornofilm anzusehen oder nach einem Autounfall Fahrerflucht zu begehen. Es geht vielmehr um das Wesen der Versuchung überhaupt, nämlich aus eigener Kraft zu leben, ohne auf Gott angewiesen zu sein: Handle autonom! Emanzipiere dich von Gott! Du schaffst es aus eigener Kraft!

Deutlich wird das bei der ersten „großen“ Versuchung in der Wüste. Nachdem Jesus 40 Tage lang gefastet hatte, flüsterte Satan ihm ein: „Wenn du Gottes Sohn bist, dann befiehl doch, dass diese Steine zu Brot werden!“ (Matthäus 4,3 Hfa) Mit anderen Worten: Bist du Gottes Sohn, dann bist du allmächtig – beweise es, indem du dieses Wunder tust.

Für mich wäre das keine Versuchung gewesen, denn ich bin nicht allmächtig. Wieso war es eine für Jesus, wenn er ganz und gar Mensch wie wir geworden war? Hier haben wir es mit so etwas wie „höherer Mathematik“ zu tun: Es ist für uns unbegreifbar, aber Jesus war Gott und Mensch zugleich. Das heißt, er hörte nicht auf, Gott zu sein, wohl verzichtete er aber darauf, von seiner göttlichen Macht Gebrauch zu machen. Das (und viel mehr) steckt in den Worten des Paulus im Philipperbrief (2,6-7 NGÜ): „Er, der Gott in allem gleich war und auf einer Stufe mit ihm stand, nutzte seine Macht nicht zu seinem eigenen Vorteil aus.“ Jesus verzichtete darauf, seine göttliche Macht einzusetzen und holte sich stattdessen die Kraft von seinem Vater im Himmel, mit dem er eng verbunden lebte. Übrigens: die selbe Kraft, die jedem von uns zur Verfügung stellt.

Zurück zur Ente und dem Porsche: Jesus fuhr Ente, verfügte aber über einen zusätzlichen „Turbogang“, mit dem er seine Allmacht in jedem Augenblick hätte zuschalten können – es aber nicht tat. (Hätte ich eine Ente mit solch einem Turbogang, wie gern würde ich ihn an jeder Kreuzung schalten, um jeden Porsche zu überholen!) Hätte er seine göttliche Natur im Himmel gelassen, hätte er es viel leichter gehabt. Daher war es doch an jeder „Kreuzung“ seines Lebens eine Versuchung, diesen Turbogang einzuschalten, von seiner ruhenden Allmacht Gebrauch zu machen – um sich den mühevollen Weg abzukürzen, oder einfach um zu beweisen, dass er das war, was er vorgab zu sein, nämlich Gottes Sohn.

Er tat es nicht, weil er nichts beweisen musste. Und er tat es nicht, weil er uns liebt. Auch darin ist er mir ein ermutigendes Vorbild: Weil Gott ja zu mir gesagt hat, habe ich es nicht nötig, meinen Wert zu beweisen. Und wenn Jesus, der ja allmächtig war, kein Problem damit hatte, in einer ständigen Abhängigkeit vom Vater zu leben und zu wirken, dann habe ich es nicht nötig, den Großen und Starken zu spielen; denn wir sind nicht allmächtig. Je enger wir mit Gott verbunden leben, desto besser kommt seine Macht in unserem Leben zur Geltung.

(Wo Jesus seine letzte und größte Herausforderung erlebte, werde ich im nächsten und letzten Teil 3 ansprechen.)