Tag 4: Zwei Vorbilder der Demut

Sonntag, 2. Juni 2019. Bevor wir den Kibbuz Shaar HaGolan verließen, hatten wir – auf Empfehlung von Silke – eine Führung durch eine 80-jährige deutschstämmige Bewohnerin: Das war nicht nur sehr informativ, sondern hat auch viel Spaß gemacht, da Nurit eine humorvolle und liebenswerte Person ist. Die ehemalige Lehrerin schwärmte von der Idee und der Einrichtung der Kibbuzim, gab aber zu, dass dieses System nur dann so gut funktioniert, wenn genug Geld vorhanden ist (wie es in diesem Kibbuz der Fall ist). Von der Terrasse des Museums aus konnten wir sehen, dass uns nur ein paar Meter von der jordanischen Grenze trennten und nur ein paar Kilometer von der syrischen Grenze (Shaar HaGolan bedeutet ja Tor zum Golan). Während der Fahrt nach Nazareth ergänzte (man könnte auch sagen „korrigierte“) Silke das gerade Gehörte und wir fanden den Weg zurück auf den Boden der Wirklichkeit.

Unsere erste Station an diesem Sonntag war Nazareth, wo Jesus seine Kindheit in der Obhut von Maria und Josef verbrachte. Das wichtigste und nicht zu übersehende Gebäude ist hier die Verkündigungskirche. Die von dem italienischen Architekten Giovanni Muzio erbaute und am 1969 geweihte Basilika steht über jener Höhle, in der nach der römisch-katholischen Überlieferung der Erzengel Gabriel der Jungfrau Maria erschien. Am Haupteingang sind in großen Lettern (auf Lateinisch) die Worte aus dem Johannesevangelium (1,14) eingraviert: „Das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns.“ Dennoch bzw. leider steht im Zentrum aller Darstellungen in- und außerhalb der Kirche nicht die Menschwerdung des Sohnes Gottes, sondern die Marienverehrung.

In seiner kurzen Andacht unterstrich Elí die wunderbare Eigenschaft der Demut, die für Maria charakteristisch war. Später im Bus erklärte er uns, worin sich die Volksfrömmigkeit rund um Maria vom biblischen Befund unterscheidet.

Weiter ging es nach Jericho, wo wir am Fuß des „Berges der Versuchung“ und mit einem herrlichen Blick auf die Palmenstadt zu Mittag aßen. Jericho ist die älteste heute noch bewohnte Stadt der Welt. Dort, wo nach der biblischen Erzählung im Buch Josua (6, 20) Gott die Mauern beim Schall der Posaunen der Israeliten die Mauern einstürzen ließ, lebten schon vor über zehntausend Jahren Menschen. Zugleich ist Jericho die am tiefsten gelegene Stadt der Welt. Rund 258 Meter unterhalb des Meeresspiegels ist sie in ein flaches Seitental des Jordangrabens eingebettet. Hier heilte Jesus den Blinden Bartimäus und begegnete dem Obersteuerneintreiber Zachäus, den er aus seinem Beobachtungsposten auf einem Maulbeerbaum herunterholte (Lukas 19,1-8). Diesen Baum hatten wir bereits im Kibbuz kennengelernt. Und da Silke auch im Gartenbau und Botanik zu Hause ist, erfuhren wir einiges von ihr darüber, dass die Erwähnung bestimmter Bäume in der Bibel nicht zufällig ist, sondern eine tiefere Bedeutung hat. Sie bezeichnete den Maulbeerbaum als „Rehabaum“ wegen der heilenden Wirkung seiner Blätter. Kurz vor dem Verlassen der Stadt, in der immer noch Hunderte von Palmen zu sehen sind, blickten wir vom Bus aus auf den Baum, der an diese Begegnung des Zachäus mit Jesus erinnert.

Auf die nächste Station waren alle Erstreisende sehr neugierig: die Taufstelle am Jordan. An einer unscheinbaren Stelle, dort, wo in der Mitte des ca. zehn Meter breiten Flusses die Grenze zu Jordanien ist, kamen Pilgergruppen, um sich in weißen Gewändern per Untertauchen zu taufen (taufen zu lassen wäre nicht der richtige Ausdruck, da während unseres kurzen Aufenthalts dort kein Priester taufte, sondern die Gläubigen – in der Mehrheit waren es Frauen – einfach selbst mehrmals untertauchten. Das (natürlich) schmutzige Wasser erinnerte Elí an die empörte Reaktion des Königs Naamann, als der Prophet Elisa ihm empfahl, siebenmal im Jordan unterzutauchen, um von seiner Leprakrankheit geheilt zu werden: „Sind nicht die Flüsse von Damaskus, Abana und Parpar, besser als alle Wasser in Israel, sodass ich mich in ihnen waschen und rein werden könnte?“ Und er wandte sich und zog weg im Zorn. (2. Könige 5,12)
Hier in diesem völlig unspektakulären Fluss ließ sich der Schöpfer des Universums von seinem Cousin Johannes taufen – nicht, weil er es nötig gehabt hätte, von irgendeiner Sünde reingewaschen zu werden, sondern weil er sich freiwillig mit uns auf eine Stufe stellte! Ein größeres Beispiel dafür, was Demut ist, gibt es wahrlich nicht! (Vgl. Philipper 2,6-11)

Letzte Station unserer Reise an diesem Sonntag war Bethanien, der Heimatort von Lazarus, Maria und Marta. Sehr schön waren die vier Darstellungen aus dem Leben der Maria in der römisch-katholischen Kirche. Und spannend war der Abstieg in das angebliche Grab des Lazarus.

Als wir abends in unserem Hotel (Prima Park) in Jerusalem ankamen, konnten wir auf einen erlebnisreichen Tag zurückblicken, voller biblischer Bezüge, die uns immer wieder an Jesus erinnerten: um ihn geht es ja vornehmlich auf dieser Reise. Man muss sich das immer wieder bewusst machen, denn die Ablenkung durch das, was man heute hier zu sehen bekommt, ist wahrlich recht groß.


Aus der Morgenandacht vom 2.6.2019 in Nazareth:
Maria als Beispiel der Demut.

Indem wir unsere Armseligkeit begreifen, öffnen wir uns der Größe Gottes, und das ist es, was unsere eigentliche Größe ausmacht.


Weitere Informationen:

edp – Eine Denk-Pause