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Brücken bauen statt Mauern

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Ich mag Brücken sehr: Sie sind für mich ein Symbol für Verbinden und Versöhnen. Unten habe ich eine Auswahl meiner Fotos von Brücken gepostet, die ich persönlich kenne. Zu jeder von ihnen könnte ich eine Anekdote schreiben.

Die Rahmedetalbrücke auf der Autobahn A45 (Dortmund-Aschaffenburg), 70 Meter hoch und 450 Meter lang, über die ich jahrelang auf dem Weg zu Tagungen im Sauerland gefahren wird, wurde am 7. Mai 2023 gesprengt. Bis der Ersatzneubau (2026/27) steht, leiden Firmen, Familien und Freundschaften unter der Trennung durch die fehlende Brücke leiden. An der Brücke brüteten Wanderfalken. Auch mehr als 1000 Zwergfledermäuse hatten ihr Quartier in dem Bauwerk.

2022 bemalte eine Künstlergruppe die Brücke, u.a. mit dem mehrdeutigen Slogan „Lasst uns Brücken bauen“ in riesigen Lettern. Das ist eine sehr passende Einladung für uns westliche Menschen im 21. Jahrhundert, das stark geprägt ist von Individualismus und Protektionismus (nicht nur im wirtschaftlichen Sinne). Es fällt uns anscheinend leichter, Mauern zu bauen statt Brücken. Wie würde sich unsere Umgebung verändern, wenn wir uns von Gott als Brückenbauer der Versöhnung einsetzen ließen!

Wollen wir Christen ernsthaft unserem Vorbild Jesus Christus folgen, dann gilt diese Einladung uns erst recht; denn er ist der erste und größte Brückenbauer der Geschichte. Durch seinen Tod am Kreuz überbrückte er die Kluft zwischen uns Sündern und Gott. (Das Wort „Sünde“ ist mit dem deutschen Wort „Sund“ verwandt, mit dem ein Abgrund oder ein Graben bezeichnet wird.) Und außerdem hat er die trennenden Mauern zwischen Völkern niedergerissen, so zum Beispiel zwischen Juden und Nichtjuden, wie Paulus in einem seiner Briefe ausdrückt: „Durch Christus haben wir Frieden. Er hat Juden und Nichtjuden in seiner Gemeinde vereint, die Mauer zwischen ihnen niedergerissen und ihre Feindschaft beendet.“ (Epheser 2,14 Hoffnung für alle)

Nun sind wir als mit Gott Versöhnte aufgerufen, ebenfalls Brückenbauer zu sein, und zwar im Sinne von Botschaftern der Versöhnung, als Friedensstifter, die sowohl suchenden Menschen Brücken zu Gott bauen, als auch unversöhnten Menschen Brücken zueinander.

Übrigens: Feindesliebe ist einer der stärksten Beweise für die Glaubwürdigkeit des Evangeliums! Jeder von uns darf und soll ein Botschafter der Versöhnung, ein Brückenbauer sein. Und wo lernen wir diesen „Nebenberuf“? Zu Hause, in der Familie, der Ehe, im Freundeskreis, auch in der Kirchengemeinde: Das alles ist die beste Schule, in der wir Vergeben, Versöhnen und Verbinden lernen und üben können.

(Leicht bearbeitete Fassung der am 13. Mai 2024 im Andachtsbuch des Advent-Verlags Lüneburg erschienenen Andacht. Hier bei HOPE-Media anzuhören.) 

Hier die kleine, oben genannte Fotosammlung von Brücken, die ich kenne:

Fotos:

1) Old bridge over the Lahn river, Wetzlar, Germany
2) High railway bridge with floating ferry, Rendsburg, Germany
3) Vanšu Bridge, Riga, Latvia
4) Old Town Bridge, Görlitz-Zgorzelec, Germany-Poland
5) Elisen Bridge over the Danube river, Neuburg an der Donau, Germany
6) Millennium Bridge, Ourense, Spain
7) San Pablo Bridge, Cuenca, Spain
8) San Martin Bridge over the Tagus river, Toledo, Spain
9) Golden Gate Bridge, San Francisco, USA
10) Krämerbrücke, Erfurt, Germany
11) Calatrava Bridge, Jerusalem, Israel
12) Ponte Vecchio, Florence, Italy


 

Building bridges instead of walls

I like bridges very much: for me they are a symbol of connecting and reconciling. I am uploading a selection of my photos of bridges that I know personally (see photo gallery above). I could write an anecdote about each of them.

A bridge on the A45, 70 metres high and 450 metres long, which I have driven over for years on my way to conferences in the Sauerland, has been  blown up in May 2023. Until the new bridge is in place (2026/27), businesses, families and friendships will suffer from the separation caused by the missing bridge. A year ago, a group of artists painted the bridge, including the ambiguous slogan “Let’s build bridges” in huge letters.

This is a very fitting invitation for us Westerners in the 21st century, which is strongly characterised by individualism and protectionism (not only in the economic sense). We seem to find it easier to build walls than bridges. How our environment would change if we let God use us as bridge builders of reconciliation!

If we Christians sincerely want to follow our model Jesus Christ, then this invitation applies to us all the more; for he is the first and greatest bridge builder in history. Through his death on the cross, he bridged the gap between us sinners and God. And furthermore, he has broken down the dividing walls between peoples, for example between Jews and Gentiles, as Paul expresses in one of his letters: “Through Christ we have peace. He has united Jews and Gentiles in his church, broken down the wall between them and ended their enmity.” (Ephesians 2:14)

Now, as those who are reconciled to God, we are called to be bridge builders as well, in the sense of ambassadors of reconciliation, as peacemakers who build bridges to God for seeking people as well as bridges to each other for unreconciled people.

By the way: Love of enemies is one of the strongest proofs of the credibility of the Gospel! Each of us may and should be an ambassador of reconciliation, a bridge builder. And where do we learn this “sideline”? At home, in the family, in marriage, among friends, also in the congregation: all this is the best school in which we can learn and practise forgiving, reconciling and connecting.


 

Construir puentes en vez de muros

Me gustan mucho los puentes: para mí son un símbolo de conexión y reconciliación. Aquí pongo online una selección de mis fotos de puentes que conozco personalmente (véase galería más arriba en esta página). Podría escribir una anécdota sobre cada uno de ellos.

Un puente en la autopista A45, de 70 metros de altura y 450 metros de longitud, por el que he pasado durante años de camino a reuniones, fue volado en mayo 2023. Hasta que esté en marcha uno nuevo (2026/27), empresas, familias y amigos sufrirán la separación causada por el puente desaparecido. Hace un año, un grupo de artistas pintó en el puente en grandes letras el eslogan “Construyamos puentes”.

Es una invitación muy apropiada para nosotros, los occidentales del siglo XXI, caracterizado por el individualismo y el proteccionismo (no sólo en sentido económico). Parece que nos resulta más fácil construir muros que puentes. ¡Cómo cambiaría nuestro entorno si dejásemos que Dios nos utilizara como constructores de puentes de reconciliación!

Si los cristianos deseamos sinceramente seguir a nuestro modelo Jesucristo, entonces esta invitación se nos aplica con mayor razón; porque él es el primer y mayor constructor de puentes de la historia. Con su muerte en la cruz, tendió un puente entre nosotros, pecadores, y Dios. Y además, ha derribado los muros divisorios entre los pueblos, por ejemplo entre judíos y gentiles, como expresa Pablo en una de sus cartas: “Por Cristo tenemos paz. Ha unido a judíos y gentiles en su Iglesia, ha derribado el muro que los separaba y ha puesto fin a su enemistad”. (Efesios 2:14)

Ahora bien, como reconciliados con Dios, también estamos llamados a ser constructores de puentes, en el sentido de embajadores de la reconciliación, como pacificadores que construyen puentes hacia Dios para las personas que están buscándole, así como puentes entre sí para las personas enemistadas.

Por cierto: ¡el amor a los enemigos es una de las pruebas más contundentes de la credibilidad del Evangelio! Cada uno de nosotros puede y debe ser un embajador de la reconciliación, un constructor de puentes. ¿Y dónde aprendemos este “oficio”? En casa, en la familia, en el matrimonio, entre amigos, también en la congregación: todo ello es la mejor escuela en la que podemos aprender y practicar a perdonar, reconciliar y conectar.

Das leere Grab

Gedanken zum Ostersonntag

Sechsmal durfte ich mich inzwischen vergewissern: Dieses Grab ist leer. (Foto: edp)

Ob Jesus hier im Gartengrab (unweit vom Damaskustor in Jerusalem) gelegen hat oder nicht: Hauptsache, das Grab ist leer. Es war leer, als Maria Magdalena ihren Meister salben wollte. Nicht, weil seine Schüler den Leichnam gestohlen und versteckt hätten, sondern weil er wirklich, leibhaftig auferstanden ist!

Das Schild an der Tür lautet: ER IST NICHT HIER, DENN ER IST AUFERSTANDEN. (Foto: edp)

Das Schlusswort in der Passionswoche hat nicht der Tod, sondern das Leben: Bevor die Sonne am Sonntag aufgeht, beginnt das Herz Jesu zu schlagen. Wie glücklich und erleichtert muss er sich gefühlt haben! Maria Magdalena wollte ihn gleich festhalten aus Sorge, er könnte verschwinden. Sie hatte ihn erst erkannt, als er sie bei ihrem Namen rief. Sie hatte ihm so viel zu verdanken! Ihr Name aus dem Mund Jesu: Das verwandelte diese Frau zum zweiten Mal. Jesus kennt auch deinen und meinen Namen und spricht uns zu: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ (Jesaja 43,1)

Maria Magdalena begegnet dem Auferstandenen. Ausschnitt aus dem Oratorium The God, Who Sees (Englisch mit deutschen Untertiteln, 3 Min.)

Viele Menschen, auch Märtyrer, sind gekreuzigt worden. Allein das beweist nicht, dass am Kreuz Gott selbst zum Retter der Welt wird: Es ist seine Auferstehung, die den sonnenklaren Beweis dafür liefert. Wohl dem, der bereit ist, zu glauben: Weil Jesus auferstanden ist, werden auch wir eines Tages, wenn er wiederkommt, auferstehen und ihn sehen, wie er ist.

Ein schönes Lied dazu von Martin Pepper:

Ein wunderbarer Spruch von Axel Kühner:

Lied Because He Lives, gesungen auf English und Hebräisch vor dem Gartengrab in Jerusalem (6:23 Min)

Die reinste Justizfarce

Gedanken zum Karfreitag

Jesus wird hin- und hergeschoben. Es findet die reinste Justizfarce statt. Er wird bespuckt, verhöhnt, gepeitscht, der Blasphemie beschuldigt. Am Ende bekommt er die Maximalstrafe: Er erleidet nicht irgendeinen Tod, sondern den grausamsten, denn die Kreuzigung ist die qualvollste Art, einen Menschen langsam zu Tode zu foltern. Bis zuletzt provoziert der Widersacher Gottes ihn.

Nicht alle Nägel der Welt könnten ihn hindern, vom Kreuz herunterzusteigen. 72.000 Engel (12 Legionen) hätte er sich vom Vater kommen lassen können, um ihn zu befreien. Stattdessen bittet er für die, die ihn kreuzigen, trifft Vorsorge für seine Mutter, verspricht einem Mitgekreuzigten das ewige Leben …

„Es ist vollbracht“: Die Schuldenlast, die uns von Gott trennte, ist beseitigt. Der Vorhang vor dem Allerheiligsten im Tempel zerreißt von oben bis unten. Der direkte Zugang zum Vater ist für alle frei – Juden wie Nichtjuden, Frauen wie Männer, für dich und für mich!

Darstellung der Grablegung in der Jerusalemer Grabeskirche (Foto: edp).

Zwei Lieder, die mir besonders gefallen:

Jesu letztes Wort: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“ aus dem Musical „7 Worte vom Kreuz“

„Agnus Dei“ (Lamm Gottes), Ukrainischer Chor, auf Englisch und Ukrainisch:

Ein König als Schuhputzer?

Gedanken zum Abschiedsmahl Jesu

Was für ein Abend, was für eine Nacht! Am Donnerstag war das Abschiedsmahl Jesu mit seinen Schülern angesagt. Vermutlich zogen sie das Passahmal um einen Tag vor und diesem Erinnerungsmahl schloss sich dann das an, was wir Christen „Abendmahl“ bzw. „Eucharistie“ oder „Kommunion“ nennen. Den Raum, in dem dieses Abschiedsessen stattgefunden haben könnte, kann man auf dem Zionsberg neben der Dormitio-Abtei besichtigen.

In diesem Raum oberhalb von Davids Grab neben der Dormitio-Abtei auf dem Zionsberg könnte das Abschiedsmahl stattgefunden haben. (Foto: edp)

Mir fallen die einleitenden Worte von Jesus auf: „Ich habe mich sehr danach gesehnt, dieses Passahmal mit euch zu feiern, bevor mein Leiden beginnt.“ (Lukas 22,15 Übersetzung Neues Leben) Im Grundtext wird sogar die Sehnsucht betont: „Mit Sehnsucht habe ich mit gesehnt …“ Ich frage mich: Warum hat sich Jesus so danach gesehnt? Was erwartete er von dieser intimen, letzten Zusammenkunft? Was ihm beschäftigte, wissen wir: Die schwersten Stunden seines Aufenthalts hier auf der Erde standen ihm bevor. Es ist naheliegend, dass er sich aus diesem Beisammensein ermutigende Worte, Solidarität erhoffte. Aber – typisch Jesus – statt sich um die Befriedigung seiner Bedürfnisse zu bemühen, widmete er sich voll und ganz seinen Jüngern.

Bis zum bitteren Ende
Markus Spieker schreibt: „Wenn Jesus von Traurigkeit und Angst erfüllt ist, lässt er sich davon nichts anmerken. Im Gegenteil. Er stellt nicht sich und seine bevorstehende Erlösungstag in den Mittelpunkt des Abends. Er widmet sich ganz seinen Jüngern.“ (JESUS. Eine Weltgeschichte, S. 458) Johannes betont diese Selbstlosigkeit seines Meisters mit den Worten: „Wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende.“ (Johannes 13,1) Interessanterweise hat das hier benutzte Wort „télos“ zwei Bedeutungen: Ende aber auch Ziel.

Jesus liebt uns nicht nur bis zum bitteren Ende, sondern er liebt uns so, dass wir am Ziel ankommen können. Wenn wir wollen. Judas wollte es nicht. Aber auch für ihn war Liebe genug da, denn: Auch Judas wusch Jesus die Füße nach dem Mahl. Und auch Petrus, der sich anfangs dagegen zu wehren versuchte. Was für eine Szene: Der Meister übernimmt einen Sklavendienst, indem er anfängt, einem nach dem anderen die staubigen Füße zu waschen! Während er besorgt an die bevorstehenden Stunden dachte, beschäftigte seine Schüler immer noch die Frage, wer von ihnen der Wichtigste sei. Jesus aber, der der Höchste war, fängt an, ihnen die Füße zu waschen. Was für eine wortlose Predigt!

Bronzestatue: Jesus wäscht Petrus die Füße (Foto: edp, ABC Potomac)

Wie ein Schuhputzer
Auch hierzu Markus Spieker: „Der Mann, der vier Tage zuvor noch als König in Jerusalem eingeritten ist, verrichtet den niedrigsten Dienst überhaupt. Ein modernes Äquivalent wäre ein Staatspräsident, der bei einem Staatsbankett den Toilettendienst übernimmt.“ (Ebd. S. 459) Ich habe mich gefragt: Fiel Jesus das schwer? Musste er sich einen Ruck geben? Machte er sich keine Sorgen um seine Autorität? Nein, das war nicht der Fall. Weil er um seinen Wert wusste und um die Wertschätzung eines Höheren, des Höchsten (vgl. Johannes 13,3): Weil er wusste, dass ihm der Vater uneingeschränkte Macht über alles gegeben hatte, weil er um seine Herkunft und um seine Zukunft wusste, darum konnte er sich auf eine Stufe mit den Sklaven und den Schuhputzern stellen. Aus Liebe.

Roberto Badenas beschreibt im gerade auf Deutsch erschienenen Buch Jesus unter den Menschen (Advent-Verlag Lüneburg) diese Abendmahl-Szenerie sehr fein (Kap. 15), um dann diese Handlung auf uns zu beziehen: „Es erfordert viel Größe, andere als gleichwertig oder besser als sich selbst zu betrachten und, wenn sie am Boden liegen, ihnen zu helfen, aufzustehen – auch wenn sie nicht verstehen, warum wir das tun. Es erfordert viel Größe, jenen, die sich schmutzig gemacht haben, Wasser und Handtuch zu reichen und zu helfen, frei von dem zu werden, was sie erniedrigt, anstatt ihnen Vorhaltungen zu machen.“ (S. 184)

Beim Abschiedsmal bekam Jesus nicht die Unterstützung seiner Schüler, die ihm gutgetan hätte. Ob sie ihm anschließend in der Gebetsnacht im Garten Gethsemane am Ölberg beistehen würden?

Zwei passende Lieder zu diesem Thema:

Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht

Judas liefert seinen Meister mit einem Kuss aus. (Foto: Marta López Díez, Karwoche-Prozession 27.3.2024 in Sevilla)

Vom Versuch, Gott „nachhelfen“ zu wollen

Am Dienstag der Karwoche fand einiges statt:

  • Der Feigenbaum, den Jesus am Vortag verflucht hatte, war vertrocknet (Markus 11,20).
  • Jesus besuchte letztmalig den Tempel und stellte sich einigen Fangfragen der Pharisäer, Schriftgelehrte, Herodianer und Sadduzäer (Markus 11,27ff.; 12,1-40) und lobte dann die Witwe für ihr Opfer (12,41ff.).
  • Was für ein anstrengender Tag! Aber es galt, die kurze verbleibende Zeit zu nutzen: Zurückgekehrt auf den Ölberg, gab Jesus vier seiner Schüler eine letzte Unterrichtsstunde über das Ende dieser Welt und sein zweites Kommen (Markus 13,3-37).

Judas entscheidet sich
Vermutlich am Abend dieses Tages beschloss Judas, Nägel mit Köpfen zu machen, indem er zu den führenden Priestern ging und anbot, „ihnen Jesus in die Hände zu spielen“ (Markus 14,10 Gute Nachricht Bibel). Sie nahmen das Angebot hocherfreut an und versprachen ihm eine Belohnung. Die passende Gelegenheit, ihnen Jesus zu „überliefern“ (so der Grundtext, Luther übersetzte „verraten“), bot sich bereits zwei Tage später nach der Feier des Abendmahls an.

Warum bloß?
Darüber, warum Judas letztlich Jesus überlieferte bzw. verriet, haben sich Bibelleser und Theologen viele Gedanken gemacht. Ich beschränke mich auf drei wesentliche Überlegungen:

  1. Dass Judas als Kassenverwalter eine Schwäche fürs Geld hatte, ist nicht zu übersehen, denn er wirtschaftete manchmal in die eigene Tasche (Johannes 12,6). Aber Geldgier allein reicht als Motiv kaum aus: 30 Silberlinge sind kein großes Kapital gewesen (heute wären das zwischen 3.000 und 10.000 Euro). 30 Silberlinge war ein toter Sklave wert, so viel bekam ein Sklavenbesitzer als Entschädigung von der Person, die den Tod seines Sklaven verursacht hatte. Judas legte keinen Preis für seinen Dienst fest, die Summe wurde ihm von den Schriftgelehrten angeboten.
  2. Manche meinen: Es musste so sein, Judas war zum Verräter vorherbestimmt, damit der Plan der Erlösung abgeschlossen werden konnte. Das widerspricht nach meiner Überzeugung dem gesamtbiblischen Kontext, denn das würde bedeuten, dass Judas von vorneherein verurteilt gewesen wäre, ein Verräter zu sein. Er hätte daher diese Tat unfreiwillig begangen. Folglich könne man ihn nicht dafür zur Rechenschaft ziehen. Wenn Johannes den Teufel ins Spiel bringt (13,2.27), so bedeutet das nicht, dass der Mensch dem Feind Gottes willenlos ausgeliefert wäre. Auch Petrus erlag einer ähnlichen Versuchung, nämlich seine Zugehörigkeit zum Schülerkreis Jesu zu verleugnen. Aber er bereute aufrichtig sein Versagen, ließ sich von Gott vergeben und von Jesus neu beauftragen. Ich bin sicher: Hätte Judas aufrichtig bereut, wäre auch ihm vergeben worden. Er hätte die Auferstehung von Jesus erlebt und auch für ihn wäre ein neuer Anfang möglich gewesen.
  3. Ich neige zur Annahme, dass Judas das aus seiner Sicht zögerliche Verhalten seines Meisters nicht länger ertragen konnte. Mit dessen Auslieferung erhoffte er sich, Jesus zum Handeln zu zwingen. Anscheinend hat Judas die Mission Jesu völlig missverstanden: Der Sohn Gottes war nicht auf die Erde gekommen, um Israel vom Römerjoch zu befreien und eine irdische Regierung zu installieren (vielleicht sogar mit Judas als Finanzminister), sondern um die Herrschaft Satans zu brechen und den Weg zurück zu Gott und sein Reich für Juden und Nichtjuden zu bahnen.

Markus Spieker schreibt: „Handelt er [Judas] auch aus Enttäuschung darüber, dass Jesus seinen messianischen Anspruch nicht machtvoll durchsetzt? Will er Jesus dazu zwingen, Farbe zu bekennen, indem er ihn ausliefert?“ (JESUS. Eine Weltgeschichte, S. 457) Als Judas feststellen musste, dass sein Plan gescheitert war, wollte er den Verrat rückgängig machen. Unmöglich! Daraufhin nahm er sich das Leben. Welch eine Tragik!

Andere tragische Beispiele aus der Geschichte
Sollte die dritte Annahme der ausschlaggebende Grund für den Verrat gewesen sein, dann wäre das ein weiteres Beispiel dafür: Wir Menschen können leicht dem Versuch bzw. der Versuchung erliegen, Gott „nachhelfen“ zu wollen. Zum Beispiel wenn wir den Eindruck haben, er nähme sich zu viel Zeit, um zu intervenieren, um seine Pläne (oder sind es unsere Vorstellungen?) zu erfüllen. Gute Beispiele dafür finden wir auch im Alten Testament:

  • Als Abraham und seiner Frau die Geduld beim Warten auf den versprochen Nachwuchs ausging, beschlossen sie, Gott „nachzuhelfen“, indem Abraham einen Sohn mit seiner ägyptischen Sklavin Hagar zeugte: Ismael. Mit fatalen Folgen.
  • Auch Jakobs Mutter Rebekka machte einen folgenschweren Fehler, als sie durch einen Betrug Gott „nachhelfen“ wollte, damit ihr Zweitgeborener (Jakob) den Segen bekam, den Gott ihm versprochen hatte aber rechtlich dem Erstgeborenen (Esau) zustand.

Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht. Und beim Warten darauf, dass Gott einschreitet und einen Missstand beseitigt oder eines seiner Versprechen endlich erfüllt, kann uns leicht die Geduld ausgehen. Da liegt auch für viele Christen ein Wachstumsbereich vor. Da spricht mich die Passage aus dem Lied „So nimm denn meine Hände und führe mich“ besonders an: „Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele, auch durch die Nacht.“ Ja, auch während der Nacht des Wartens, der Unsicherheit, der Ungeduld, des Schweigens Gottes will ich darauf verzichten, „nachhelfen“ zu wollen, und Gott restlos vertrauen.

Weitere, sehr gute Gedanken zur Frage, warum Judas Jesus verraten hat (HopeKurse, Österreich)

Wenn Frömmigkeit das Wesentliche verdeckt

Nachdenkliches zur Tempelreinigung

So könnte der von Herodes gebaute Tempel zur Zeit Jesu in Jerusalem ausgesehen haben. (Foto: Stadtmodell auf dem Campus des Jerusalemer Israel-Museums im Maßstab 1:50.)

Am Tag nach dem triumphalen Einzug in Jerusalem (also am Montag der Karwoche) kehrte Jesus von Betanien in die Stadt zurück, um sich vom Tempel „zu verabschieden“. Als er das Treiben der Geldwechsler (es gab eine eigene Tempelwährung) und der Opfertier-Verkäufer beobachtete, wurde er regelrecht zornig über das, was er sah: Dieser Ort des Gottesdienstes und des Gebets glich eher einem Wochenmarkt denn einem Tempel! Für die Händler war das jährliche Passafest das, was heute Weihnachten für die Spielzeug-, Handarbeiten- und Imbiss-Verkäufer ist.

Je mehr Opfertierblut floss, desto größer wurde der Gewinn der Händler. Was durch das Sterben der unschuldigen Tiere verdeutlicht werden sollte (Sünde verlangt einen hohen Preis, der nur durch das Sterben von Jesus, dem Lamm Gottes, bezahlt werden kann), geriet völlig in den Hintergrund. Nun stand Jesus, das Lamm Gottes, da und schaute zunächst sprachlos zu. Dann aber packte ihn ein „heiliger Zorn“ – es ging ja um die Rettung der Menschen!

Jesus kann auch anders!
Es kam zur zweiten Tempelreinigung und dabei kommt eine ganz andere Seite der Person Jesu zum Vorschein, nämlich die des Richters. Er jagte die Händler und Käufer hinaus, stieß die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenverkäufer um und erklärte: Ihr wisst doch, was Gott in der Heiligen Schrift sagt: „Mein Haus soll für alle Völker ein Ort des Gebets sein“, ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht! (Markus 11,17 Übersetzung Hoffnung für alle) Damit erfüllte sich teilweise die Vorhersage des Propheten Maleachi (3,1-5), die endgültige Erfüllung steht noch aus.

Ja, es ist auch heute möglich, mit äußerer Frömmigkeit und sinnentleerten, routinemäßig ausgeführten Praktiken oder hochtheologischen, theoretischen Diskussionen, das zu verdecken, worum es wirklich geht: die Versöhnung des Menschen mit Gott dank dem Leben und Sterben seines Sohnes Jesus Christus.

Ein Lichtblick in schweren Stunden
Wie erfrischend muss es für Jesus damals gewesen sein, dass nach der Reinigung des Tempels Kranke zu ihm strömten, um sich heilen zu lassen, und Kinder Lieder zu seiner Ehre sangen! (Matthäus 21,14.15) Und wie sehr muss er sich gefreut haben, als Philippus ihm die Nachricht überbrachte: Eine Gruppe von nicht-jüdischen Pilgern wartet draußen. Sie haben eine Bitte: „Wir wollen Jesus sehen, wir möchten ihn kennen lernen“ (Johannes 12,21)

Darum geht es: Jesus sehen. Ihn näher kennen zu lernen. Wohl den Christen, die sich das zum Lebensmotto machen: Mein Reden und Handeln soll nicht Jesus verdecken, sondern ihn ins Rampenlicht rücken! Denn er ist das Zentrum der Geschichte, die Mitte unseres Glaubens, der Anker in der Zeit, die Hoffnung der Menschheit und das Ziel unserer Lebensreise.

Videolied: „Anker in der Zeit“ (6 Min.):

Der Bericht der Tempelreinigung nach Matthäus 21,12-17 aus der großen Hörbibel und Kommentar dazu von Norbert Lurz (ERF, 9 Min.)