Jerusalem-Kalender JANUAR

Für uns heute ist der Blick vom Ölberg auf die Stadt Jerusalem faszinierend. Für Jesus war es vor 2000 Jahren ein bedrückender Anblick. Er weinte. Daran erinnert die Kirche Dominus Flevit.

Was ist hier zu sehen?

1 – Blick vom Ölberg auf Jerusalem
Vom Ölberg hat man eine wunderbare Sicht auf Jerusalem. Vor der Stadtmauer (= Südmauer) ist ein Friedhof (mehr hierzu im Monat Mai), davor – leider! – eine verkehrsreiche Straße, und davor ist das Kidrontal. Hinter der Mauer steht der Tempelberg, auf dem einst der Tempel Salomos und später der Herodianische Tempel standen.
Heute dominiert das Bild der (islamische) Felsendom mit seiner goldenen Kuppel. Auf der Esplanade (auf dem Foto links mit einer dunklen Kuppel) steht die al-Aqsā-Moschee. Hinter dem Felsendom, auf dem Foto nicht zu sehen, ist die Westmauer, auch Klagemauer genannt (ausführlich dazu im Monat Oktober). Danach folgt ein Teil der Altstadt (hauptsächlich jüdisches Viertel) und ganz hinten sieht man einige Hochhäuser des modernen Jerusalems.

2 – Die Kirche Dominus flevit (Außenansicht)
Auf dem Ölberg gibt es etwa acht Kirchen. Eine davon, relativ weit oben am Hang, ist die (römisch-katholische) Franziskaner Kirche Dominus flevit (= Latein, Der Herr weinte). Sie wurde 1955 in Form einer Träne erbaut, um an das Weinen Jesu über Jerusalem zu erinnern.
Auf dem Weg zur Kirche kann man im Garten einige jüdische und byzantinische Gräber und Ossarien (Gebeinehäuser) sehen. Vor und neben der Kirche sind beschattete Sitzplätze, die zum Verweilen beim Blick auf die Stadt einladen. Hier halten wir gern eine Andacht über die Trauer Jesu um Jerusalem.

3+4 – Blick durchs Fenster hinter dem Altar
Ein beliebtes Fotomotiv: Durchs Fenster hinter dem Altar fällt der Blick auf den Felsendom und (dahinter) auf die Grabeskirche – grandios! Dieser Blick durchs Fenster auf die Stadt ist dadurch möglich, dass die Dominus-flevit-Kirche nicht (wie bei christlichen Kirchen üblich) nach Osten, sondern nach Westen ausgerichtet ist.
Der Felsendom steht dort, wo nach islamischer Tradition die Himmelfahrt Mohammeds begann. Die Kuppel ist 11,5 Meter hoch und hat einen Durchmesser von ca. 20 Meter.
Fürs Betreten des Tempelbergs gibt es Zutrittsbeschränkungen, Juden ist vom Oberrabbinat der Besuch des gesamten Tempelbergs verboten.

5 – Altar-Mosaik
Das Bild der Henne mit den Küken unter ihren Flügeln erinnert an die Worte Jesu im Matthäusevangelium 23,37: „Wie oft schon wollte ich deine Bewohner um mich sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt! Aber ihr habt es nicht gewollt.“ Die lateinische Inschrift lautet: „Jervsalem Jervsalem Qvoties Volui Congregare Filios Tuos, Qvemadmodvm Gallina Congregat Pvllos Svos Svb Alas, Et Nolvisti.“

Der biblische Bezug

Wie der Name der Kirche schon verrät (Dominus flevit = Der Herr weinte), erinnert dieser Platz an die Trauer, die Jesus beim Anblick der Stadt, ihrer Bewohner, ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft spürte. Warum er weinte? Der Evangelist Lukas schrieb:
Als Jesus die Stadt Jerusalem vor sich liegen sah, weinte er über sie. „Wenn doch auch du heute erkannt hättest, was dir Frieden bringt!“, rief er. „Aber jetzt bist du mit Blindheit geschlagen. Es kommt eine Zeit, in der deine Feinde einen Wall um deine Mauern aufschütten und dich von allen Seiten belagern. Sie werden dich dem Erdboden gleichmachen und deine Bewohner töten. Kein Stein wird auf dem anderen bleiben. Denn du hast die Gelegenheit, als Gott dir nahekam, nicht genutzt.“ (Lukas 19,41-44 Hfa)
Das hier verwendete Wort zeigt, wie tief seine Trauer war: Es liefen ihm nicht nur die Tränen, er schluchzte regelrecht laut!

Jesus weinte, als er sah, mit welcher Sorgfalt sie die Opfer zum Tempel brachten, während sie ihn, das „Lamm, das die Sünden der Welt auf sich nimmt“, ablehnten. Es brach ihm das Herz zu sehen, wie sein Volk, dem er sich drei Jahre lang so intensiv gewidmet hatte, ihn ablehnte und am Schluss sogar töten lassen würde. Wie Jesus empfand, beschrieb der Evangelist Matthäus mit diesen Worten:
Jerusalem! O Jerusalem! Du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die Gott zu dir schickt. Wie oft schon wollte ich deine Bewohner um mich sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt! Aber ihr habt es nicht gewollt. (Matthäus 23,37 Hfa)
Welche Zärtlichkeit steckt in diesem Vergleich, nicht wahr? Und wie bitter ist die Reaktion darauf: Mutterliebe wird selbstsicher und selbstherrlich abgelehnt!

Relief am Titusbogen im Forum Romanum. Römische Soldaten tragen die Raubbeute aus dem Jerusalemer Tempel, u. a. die Menora. (Foto: Dnalor, cc 3.0)
Die Bergfestung Masada am Toten Meer. (Foto: Shiva, Wikipedia, CC BY-SA 4.0)

Jesus weinte, weil er in die Zukunft dieser Stadt und dieser Menschen blickte. Ungefähr 40 Jahre später, im Jahr 70 n. Chr., fand während des sog. Jüdischen Krieges die Belagerung und dann die Eroberung Jerusalems durch die Römer statt. Der Titusbogen auf dem Forum Romanum in Rom erinnert an diesen Sieg (siehe Foto links).

Die letzten Widerständler, die durch versteckte Tunnel fliehen konnten, flohen auf die Bergfestung Masada, am Südwestende des Toten Meers (siehe Foto links). Dort brachten sie sich vier Jahre später (74 n. Chr.) gegenseitig um, als es keinen Ausweg mehr vor dem eindringenden römischen Soldaten gab: 960 Männer und Frauen samt ihren Kindern! Jesus sah das alles, und weinte.

Yad Vashem: Denkmal für den polnischen Kinderarzt Janusz Korczak, der die Kinder seines Waisenhauses nicht retten konnte. (Foto: edp)

Er sah auch in die Zukunft hinein, die Zerstreuung seines Volkes in alle Länder. Er sah bis ins 20. Jhdt. hinein. Er sah die Shoah (den Holocaust) – und weinte. Er sah die 1,5 Millionen jüdischen Kinder, die im Holocaust starben – und weinte …

„Würde man die Geschichte Jerusalems auf einem Zeitstrahl einzeichnen, so wäre dieser voller Einschläge. Eine Folge von Eroberungen und wechselnden Herrschern wäre zu sehen. Mit dem an der Bibel geschulten Auge des Glaubens wäre aber zugleich eine andere, ununterbrochen durchlaufende Linie zu erkennen: die der Trauer und der Liebe Gottes. Die Linie von Gottes Schmerz, der seine Quelle in Gottes Erbarmen hat.“ (Ulrich Wendel in „Faszination Bibel“, Sonderheft „Jerusalem“, SCM Bundes-Verlag, S. 76)

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