Tag 6: Der Blick aufs Land der Verheißung

Dienstag, 30. Mai 2017.  Heute waren Länder- und Reiseführerwechsel fällig. Der Grenzübergang von Israel nach Jordanien gestaltete sich völlig unproblematisch, wenn auch etwas zeitraubend. Dank dem vorbestellten Gruppenvisum (Kostenpunkt: 40 Euro/Person) konnten wir den Grenzübergang Allenby/King Hussein Bridge benutzen und somit über die kürzeste Strecke (30 km) nach etwa 30 Minuten von Jerusalem aus Jordanien erreichen. Dort warteten nicht nur der jordanische Reiseführer Wael, mit dem Elí ein frohes Wiedersehen hatte, sondern auch ein Touristen-Polizist, der uns die meiste Zeit begleitete. (Laut Wael kommt es in ca. 20 Prozent der Gruppenreisen vor, dass ein Polizist zugeteilt wird.)

Jordanien ist das Land, in dem Abraham, Hiob, Moses, Ruth, Elia und Johannes der Täufer (u. a.) lebten. Hier kreuzten sich die Wege von Mose, Josua, Elias, Elisa, Johannes dem Täufer und Jesus. Wenige Kilometer nordöstlich von Amman entspringt der Fluss Jabbok (heutiger Name: Nahr ez-Zarqa) an dessen Ufer Jakob den nächtlichen Kampf mit dem Engel Gottes hatte (1. Mose 32).

Nachdem wir den Jordan überquert hatten, der beide Länder voneinander trennt, bogen wir Richtung Südosten, um als erstes den Berg Nebo zu besuchen. Von diesem, vom Wind gepeitschten Vorgebirge aus sah Mose das Tote Meer, das Jordantal, Jericho und die weit entfernten Hügel von Jerusalem: das verheißene Land Kanaan, das er nie betreten würde (5. Mose 32 und 34). Hier dachten wir in unserer Besinnung darüber nach: Vertrauen wir Gott unerschütterlich? Sind wir bereit, wie Mose Gottes Entscheidungen und Führung auch dann zu akzeptieren, wenn wir die Logik dahinter nicht verstehen? Vom 800 Meter hohen Berg aus genossen wir die herrliche Aussicht und machten dann ein Gruppenbild vor dem Denkmal der bronzenen Schlange: damals, während der Wüstenwanderung, das rettende Mittel gegen den tödlichen Schlangenbiss (4. Mose 21; später für heidnische Riten missbraucht: 2. Könige 18,4) und, wie Jesus viele Jahre später Nikodemus erklärte, ein Hinweis auf seinen rettenden Tod am Kreuz (Johannes 3,14-16). Zum Schluss besichtigten wir die Moses-Gedächtnis-Kirche, in der u.a. Mosaiken mit Jagdszenen, Löwen und Gazellen zu sehen sind.

Wenige Minuten später genossen wir ein leckeres Mittagessen, bevor wir die Reise nach Madaba fortsetzten. Die im Alten Testament häufig unter dem Namen Medeba erwähnte Stadt hatte Ende 2011 um die 84.600 Einwohner und beherbergt die größte Mosaiksammlung der Welt. Nach einem Gang durch die belebten Straßen besichtigten wir in der griechisch-orthodoxen Georgskirche das berühmte Mosaik von Madaba, das eine Landkarte Palästinas aus dem 6. Jahrhundert zeigt (heutige Größe: 16 mal 5 Meter; zwei Millionen farbige Steine). Wie Wael uns erklärte, handelt es sich dabei nicht um eine streng geographische oder gar politische Darstellung, sondern Auswahl, Platzierung und Größe der verschiedenen Elemente haben einen religiösen Bezug. Sie ist das älteste bislang bekannte geografische Bodenmosaik der Kunstgeschichte; eine Kopie davon befindet sich in der Sammlung des Archäologischen Instituts der Universität Göttingen.

Unterwegs machten wir Rast am „Frankfurter Supermarkt“, wo viele den fast obligatorischen frisch gepressten Orangensaft genossen, allerlei Süßigkeiten und Nussarten probierten und dann auch kauften. Dann traten wir die Fahrt nach Amman an; es waren nur 35 Kilometer zu fahren, allerdings hatten wir ziemlich viel Verkehr und Staus, sodass wir etwas länger brauchten. Wael erzählte uns einiges über Jordaniens Hauptstadt, über die Grundstückspreise, das schnelle Wachstum der Stadt (1921: 5.000 Einwohner, 2015: 4 Mio.!), die Preise für die Taxenlizenz, die neue Regelung, keine Gebrauchtwagen mehr zuzulassen, die älter als fünf Jahre sind, usw.

Amman ist eine moderne Stadt, das konnten wir bei der Anfahrt deutlich erkennen, in der Muslime und Christen (10 %) zusammen leben. Und es ist auch eine Stadt, die sehr viele Flüchtlinge aufgenommen hat:
Fast vier Millionen Syrer sind nach Angaben der Vereinten Nationen (UN) seit Ausbruch des Bürgerkrieges in die Nachbarstaaten geflohen. In Jordanien mit seinen 6,5 Millionen Einwohnern leben offiziell 620.000, 170.000 davon in Amman, die meisten im Osten der Stadt. Ihre steigende Zahl hat selbst Jordanien überfordert – ein Staat, der als Einwanderungsland gilt, als „Insel des Friedens“ inmitten der Krisengebiete Syrien, Irak und Westjordanland. Und in dessen Hauptstadt traditionell verschiedenste Völker leben. Amman war schon immer eine Metropole der Flüchtlinge. (Quelle: DER TAGESSPIEGEL online vom 10.07.2015)

Die bekannten Ursprünge der Stadt Amman, die 900 Jahre lang Philadelphia hieß (nicht zu verwechseln mit dem Philadelphia der sieben Sendschreiben der Offenbarung in der heutigen Türkei), gehen bis in biblische Zeit zurück. Hier ist die Stadt als das biblische Rabba bekannt. Die Ammoniter bezeichneten sie als Rabbat-Ammon. Hier wurde beispielsweise das Riesenbett von Og, dem König von Baschan, aufbewahrt (4,5 Meter lang und 2 Meter breit; 5. Mose 3,11).

Amman erstreckte sich damals wie Rom über sieben Hügel. Heute erstreckt sich die Stadt über neunzehn Hügel. Auf einem dieser Hügel liegt die Zitadelle, von der wir aus einen beeindruckenden Blick auf die Stadt, auch auf das römische Theater (4.000 Plätze), werfen konnten. Auch die Riesenflagge Jordaniens war gut zu sehen: Der Raghadan-Masten ist mit 126,8 Metern Höhe der siebthöchste freistehende Fahnenmast der Welt; die Flagge selbst misst 60 mal 30 Meter!
Auf der Zitadelle zeigte uns Wael die Ruinen des Herkulestempels, einen alten Friedhof, die Überreste der Umayyadischen Moschee und eine große, kreisförmige Zisterne, die den Palast mit Wasser versorgte. Zum Schluss besuchten wir dort das Jordanische Archäologische Museum, in dem wichtige, weltbedeutende archäologische Funde aus dem Nahen Osten ausgestellt sind, so zum Beispiel die Ain-Ghazal-Statuen, die zu den ältesten Zeugnissen menschlicher Kultur dieser Art zählen (sie wurden aus einem Gemisch aus gebranntem Kalk und Lehm gefertigt und dienten vermutlich einer Art von Ahnenkult) und eine Kopie der Mescha-Stele (dieser Basaltstein ist das älteste erhaltene Denkmal in einer dem Hebräischen nahe verwandten Sprache und Schrift).

Im (sehr empfehlenswerten!) Hotel genossen wir dann den Abend, hörten eine sehr schöne Andacht von Ellen (Wir sollten uns entscheiden, nicht in Klagenfurt zu wohnen, sondern in Freudenstadt) und freuten uns über Noahs Erfahrung im Zusammenhang mit der Schulbefreiung für diese Reise.

 

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edp – Eine Denk-Pause