Tag 7: Eine Fußwaschung der besonderen Art

Mittwoch, 31. Mai 2017.  Bevor wir an diesem Tag die Reise in den Süden Richtung Bethanien jenseits des Jordans, Totes Meer und Petra antraten, besuchten wir eine besondere Schule: die Theodor Schneller-Schule am Rande von Amman, umgeben von einem palästinensischen Flüchtlings-Camp. Wir wurden vom Manager des Gästehauses, Victor Kidess, in der Kapelle empfangen und dann durch das Schulgelände zur Schreinerei geführt. Leider konnten wir das Interessanteste nicht besuchen: die Schülerinnen und Schüler in ihren Klassenräumen, was Elí im November 2015 so sehr beeindruckt hatte. Wir konnten sie nicht sehen, weil dies der letzte Schultag vor den Sommerferien war und sie Abschlussprüfungen hatten.

In dieser Schule wird Frieden praktiziert: Vom Kindergarten bis zur Berufsausbildung lernen Kinder unterschiedlicher Religionen gemeinsam. Die Mädchen und Jungen kommen zumeist aus schwierigen Verhältnissen. Von den rund 300 Kindern an der Schule leben etwa zwei Drittel im Internat. Seit 2010 werden verstärkt auch Mädchen in Kindergarten, Internat und Schule aufgenommen. Das Schulkonzept, das in seiner Region einzigartig ist, vermittelt Toleranz zwischen den Kulturen. Im Zusammenleben lernen die Kinder christlicher und muslimischer Herkunft was es heißt, sich zu respektieren und in Frieden zusammenzuleben. So werden auch die verschiedenen religiösen Feste gemeinsam gefeiert. Kinder, die sprachlich begabt sind, lernen hier Deutsch. Nach dem Abschluss der Mittleren Reife besteht für die Kinder die Möglichkeit, eine Ausbildung als Schreiner, KFZ-Mechaniker oder in anderen Berufen, zu absolvieren. In einem aus Deutschland finanzierten erlebnispädagogischen Hochseilgarten lernen sie, ihren Fähigkeiten und anderen Menschen zu vertrauen. (Vier Mal im Jahr erscheint das Schneller-Magazin mit Berichten aus den beiden Schneller-Schulen im Libanon und in Jordanien.)

Unsere nächste Station war Bethanien jenseits des Jordans (nicht zu verwechseln mit Bethanien südöstlich von Jerusalem, der Heimat von Lazarus), das als einer der Orte gilt, wo Jesus nach der Überlieferung von Johannes dem Täufer getauft worden sein soll. Die Araber nennen den Ort am Ostufer des Jordan-Flusses Wadi al-Charrar. Er liegt etwa 50 Kilometer westlich der jordanischen Hauptstadt Amman und zehn Kilometer östlich von Jericho. Es ist ein sehr schöner Platz, allerdings lässt sich heute die genaue Stelle, an der Jesus Christus von Johannes getauft wurde, nicht mehr eindeutig bestimmen. In Johannes 10,40 ist eine Andeutung auf diese Gegend zu finden: „Und er [Jesus] ging wieder weg jenseits des Jordan an den Ort, wo Johannes zuerst taufte, und er blieb dort.“ (EB)

An der Stelle, wo überdachte Taufbecken gebaut worden sind, hielten wir unsere Besinnungszeit. Es ging um die Fußwaschung der Jünger vor dem Abendmahl und um die Bereitschaft Jesu, den Dienst eines Sklaven zu übernehmen, um zu zeigen, dass wahre Größe im Dienen liegt. Dann machten wir uns auf den Weg zum Jordan. Der mit Blumen angelegte und beschattete Weg dahin, vorbei an der Johannes‘ Quelle, war bereits ein Erlebnis. Am Wasser angekommen, wuschen sich einige von uns gegenseitig die Füße und wir erinnerten uns an das, was Jesus damals tat. Es war eine Fußwaschung der besonderen Art – nicht nur weil wir dies im Jordanwasser taten, sondern auch weil wir tatsächlich staubige Füße hatten und uns die Kühlung durch das frische Wasser sehr gut tat. Während wir das taten, fanden auf der israelischen Seite gegenüber, nur ein paar Meter entfernt, Taufen statt. Es war schön, dort „Gott ist die Liebe“ anzustimmen. Und viele von uns empfanden es als den „i-Punkt“, dass am Ende der Fußwaschung eine weiße Taube auf der Treppe landete und uns eine Weile lang beobachtete.

Dem Erlebnis der Fußwaschung im Jordan folgte nach wenigen Kilometer Fahrt ein weiteres, nämlich das Baden im Toten Meer. Baden ist fast übertrieben, genauer wäre: das Liegen auf dem Wasser. Bei einem Salzgehalt bis zu 33 Prozent kann man problemlos auf dem Rücken liegend Zeitung lesen. Schwieriger ist es wohl wieder aufzustehen. Jedenfalls hatten alle große Freude und die Frauen formten einen wunderschönen Kreis auf dem Wasser im Liegen. Das anschließende Baden im Swimming Pool war ein guter Abschluss für diese Station unserer Reise.

Auf dem Königsweg setzten wir die Reise in den Süden fort. Der Königsweg ist die älteste durchgehend benutzte Kommunikationsroute der Welt. Einst verband er Baschan, Gilead und Ammon im Norden mit Moab, Edom, Paran und Midian im Süden. Abraham, ein gemeinsamer Patriarch der Juden, Christen und Muslime, der durch den Norden, die Mitte und den Süden des heutigen Jordanien reiste, nutzte diese Route ganz sicher auf seinem Weg von Mesopotamien nach Kanaan. In der Bibel wird der Königsweg zum ersten Mal im 4. Buch Mose (20,17) erwähnt, als Mose sein Volk durch den Süden Jordaniens führt. Mose fragte den König von Edom, ob er und sein Volk „entlang der Königstraße“ nach Kanaan gehen dürfe, doch seine Bitte wurde abgewiesen.
Der Königsweg wird ebenfalls in einer früheren Geschichte im 1. Buch Mose (14,5-8) erwähnt, im Zusammenhang mit den vier Königen aus dem Norden, die Sodom und Gomorrha und die drei anderen Städte der Ebene angriffen: Heschbon (Hisban), Medaba (Madaba) und Kir Moab (Kerak). Sie nahmen Abrahams Neffen Lot gefangen, doch das führte nur dazu, dass sie von Abraham verfolgt und schließlich geschlagen wurden. (Quelle: Heft Jordanien in der Bibel, hgg. von der Jordanischen Tourismusbehörde, hier als PDF zum Herunterladen)

Am frühen Abend kamen wir in Wadi Musa (Tal des Moses) vor den Toren Petras an, wo wir vor dem Abendessen einen schönen Sonnenuntergang erlebten. Danach machten wir uns auf dem Weg zum Eingang der Ruinenstadt, um Petra by night zu erleben. Und so marschierten wir um 20.30 Uhr mit Hunderten von Besuchern durch die Schlucht (den „Siq“), der Weg rechts und links mit Kerzen in Papiertüten beleuchtet. Nach ca. 1,5 Kilometer erreichten wir den Platz vor dem Schatzhaus, der einem Lichtermeer glich (insgesamt mehr als 1.500 Kerzen). Dort gab es Tee, Musik und eine kurze Erzählung (auf Englisch), bevor zum Schluss die Fassade des Schatzhauses angestrahlt wurde. Höhepunkt des Ganzen war aber das Wandern durch die Dunkelheit mit dem Aufblick auf den in dieser Gegend einmaligen Sternenhimmel.

Der Profifotograf Achim Meurer (Graz) schreibt dazu: „Es ist ein irres Erlebnis, denn das Schatzhaus ist bei Tag schon verdammt beeindruckend. Dann aber bei sternklarer Nacht hunderte von Kerzen durch den Siq und vor dem Schatzhaus zu sehen, ist echt ein Knaller. Kann ich nur jedem empfehlen!“

Mit diesen Eindrücken gingen wir ins Bett und freuten uns auf Petra bei Tag. Die Vorfreude sollte nicht enttäuscht werden!

 

Zur Vertiefung:

 

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edp – Eine Denk-Pause