Tag 8: Ein Tag in der rosaroten Stadt, eine Nacht im Beduinencamp

Donnerstag, 1. Juni 2017Wadi Musa: Moses Tal. Hier soll der Ort gewesen sein, an dem Mose auf einen Felsen schlug, aus dem dann Wasser sprudelte (4. Mose 20,1-13). Wadi Musa heute: ein kleines Städtchen unmittelbar vor Petra, daher „Petras Wächter“ genannt. 2009 wohnten hier 17.000 Menschen. Mehr als 50 Hotels warten auf Touristen aus der ganzen Welt. Die Sicherheitsfrage hat leider zu einem Rückgang der Besucherzahl geführt – mit dem Vorteil, dass man auch dieses Highlight Jordaniens recht ungestört erleben kann.

Der Wecker war auf 5.00 Uhr gestellt. Um 3.05 Uhr ist der Ruf des Muezzins so laut, dass ich aufstehen muss, um die schlafende Stadt in Ton und Bild festzuhalten. Wieder ins Bett. 4.20 Uhr: Der Hahn kräht so kraftvoll und das Vogelgezwitscher ist so schön, dass ich erneut aufstehen muss, um alles auf Video festzuhalten. Nun lohnt es sich nicht mehr, wieder ins Bett zu gehen. Es ist wieder Kofferpacken angesagt, denn heute Abend übernachten wir wieder woanders, und zwar im Beduinencamp in Wadi Rum. Nach dem Duschen wieder das lästige Eincremen mit der Sonnenmilch (Faktor 50). Dann schnell etwas Obst essen (lag bei der Anreise schön in Folie eingeschweißt auf dem Zimmertisch). Ich bin bereit für meinen dritten Besuch der rosaroten Stadt Petra, von der Thomas Edward Lawrence (Lawrence von Arabien) in seinem Werk Die sieben Säulen der Weisheit schrieb: „Petra ist der herrlichste Ort der Welt.“ Immerhin ist Petra seit 1985 UNESCO-Welterbe und steht seit 2007 auf der Liste der Neuen Sieben Weltwunder.

Die antike Stadt Petra – zweifellos eine der meistbesuchten Attraktionen Jordaniens – findet sich in einer Talsenke zwischen dem Toten Meer und dem Golf von Aqaba. Sie liegt strategisch günstig im Bergland von Edom, wo sich einst verschiedene bedeutende Karawanenstraßen kreuzten. Sie verbanden den Mittelmeerraum mit Ägypten und Syrien bzw. das Mittelmeer und Südarabien. Man handelte Elfenbein, Seide, Gewürze, Perlen, Goldschmiedearbeiten und Weihrauch. Dank der Zölle und Steuern konnten alle am Weg liegende Orte gut leben. Petra wurde ein bedeutender Handelsplatz für Luxusgüter des damaligen Lebens und kontrollierte auch die bedeutende Königsstrasse, die sich hier in zwei Routen teilte.

Die wohlhabenden Bewohner ließen prächtige Grabmäler und Tempel in die roten Felsen meißeln, die die Stadt umgaben. Mit dem Anwachsen von Reichtum und Kultur wuchsen in Petra auch die Grausamkeit und der Stolz. Der Prophet Jeremia sagte das Ergebnis voraus: „Dass die andern dich fürchten, hat dich verführt, und dein Herz ist hochmütig, weil du in Felsenklüften wohnst und hohe Gebirge innehast. Wenn du auch dein Nest so hoch machtest wie der Adler, dennoch will ich dich von dort herunterstürzen, spricht der HERR. Also soll Edom wüst werden, dass alle, die vorübergehen, sich entsetzen und spotten über alle seine Plagen.“ (Jeremia 49,16-17) Die Prophezeiung hat sich erfüllt, Petra wurde eine unbewohnte Ruinenstadt.

Archäologische Ausgrabungen in Petra erfolgten erst seit den 1920er Jahren. Wenig später begann auch die touristische Erschließung der Ruinenstätte (im Jahr 2000 waren rund eine Million Touristen da). Erst 2016 wurden auf Satellitenaufnahmen die Reste eines Bauwerks, das etwa 800 m vom Stadtzentrum entfernt lag und wahrscheinlich ein Tempel aus der Gründungszeit Petras war.

An diesem Morgen legten wir die Strecke bei Tag zurück, die wir am Abend zuvor (Petra by night) gegangen waren: 900 m vom Kartenschalter bis zum Eingang der Schlucht und weitere 600 m bis zum Schatzhaus. Ein paar ließen sich mit der Pferdekutsche bis zum Schatzhaus fahren, die anderen genossen den Weg durch die Schlucht, Siq genannt. Während der Siq kaum merklich abfällt, wird er immer enger: Die schmalste Stelle ist kaum einen Meter breit. Rechts und links ragen die schroffen Felswände in den blauen Himmel. Immer wieder bewunderten wir die Überlebenskraft der Bäumchen und Pflanzen, die aus den Ritzen herauswachsen. Wir bewunderten aber auch die Baukunst der Nabatäer, die ein kompliziertes Bewässerungs- und Dammsystem entwickelten. Dazu gehörten der offene Wasserkanal links des Weges und der unterirdische auf der rechten Seite. Außerdem sahen wir vor und in der Schlucht die vielen Monumente aus dem Felsen gehauen, Nischen für die Götter, nabatäische Graffiti, Pflasterwege und Treppen, Tierdarstellungen, Gräber usw. Hier, im Siq, wurden u. a. die letzten Szenen des Filmes „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ von Steven Spielberg gedreht.
Plötzlich, am Ende der Schlucht, taucht die rosa, fein gemeißelte Fassade des Schatzhauses auf. Dieses war möglicherweise ein Tempel, denn im Inneren (das nicht besichtigt werden kann) befindet sich ein Heiligtum mit einem Becken für rituelle Waschungen. Hier warteten Kameltreiber mit ihren Tieren für kleine Fotorundritte und auch die Souvenirverkäufer, darunter Kinder, die u. a. Postkarten anboten. Bevor wir zu Fuß weitergingen, machten wir hier das obligatorische Gruppenbild mit dem Schatzhaus im Hintergrund.

Vom Schatzhaus führt der Weg in den äußeren Siq, an dessen Ende sich das nach römischem Vorbild erbaute Amphitheater mit Platz für 4.000 Zuschauer befindet. Auch sind hier mehrstöckig übereinander gebaute Gräber zu sehen. Zwischen Schatzhaus und Theater führt ein steiler Weg zum Gipfel des Berges, wo in 1.035 Meter Höhe der große Opferplatz ist. Der Anblick von dort aus ist atemberaubend, u.a. auch auf den Schrein des Grabes Aarons, Petras heiligster Ort. Diesen Weg, der mir 2013 sehr beschwerlich vorgekommen ist und unvergesslich bleiben wird, sind wir allerdings nicht gegangen – dafür ging Wael mit uns einen Seitenweg auf der gegenüberliegenden Seite, der auch einen schönen Überblick bot und uns an Felsenwohnungen und herrlichen Steinformationen vorbeiführte. Von dort aus war das Theater sehr gut zu sehen.

Am Ende dieser kleinen Tour trafen wir die restlichen Gruppenmitglieder wieder, die sich im „Ibraheims Cofee Shop“ erholten, und tranken mit ihnen frisch gepresste Säfte. Nach dieser Stärkung gingen wir die letzte Strecke über die römische Kolonnadenstraße (Cardo) bis zum Restaurant, in dem wir Mittagspause machten. Ein paar wenige waren zu dieser Zeit bereits die letzte Strecke bis zum Kloster Ed-Deir gegangen, zu dem mehr als 800 aus dem Felsen gehauene Stufen führen. Auf dem Rückweg waren die riesigen Fassaden der Königsgräber in der Nachmittagssonne wunderbar zu sehen (von links nach rechts: Palastgrab, mit der größten, fünfstöckigen Fassade; Korinthergrab; Seidengrab; Urnengrab). Beim Rückweg durch den Siq war der Lichteinfall anders als am Morgen, daher boten sich neue, überraschende Ansichten.

Bevor wir Wadi Musa ganz verließen, hielten wir an, um einen letzten Blick auf die Berge um Petra zu werfen – ein beeindruckendes Panorama! Nach einer kurzen Pause im „Desert Castle Bazaar“ (Toilettenbesuch! Eis- und Souvenirs-Einkauf) und später am Besucherzentrum von Wadi Rum (um uns anzumelden) erreichten wir um 18 Uhr unser Ziel für diese Nacht: das Sun City Camp!

Alle waren gespannt, wie es in Wirklichkeit in den Zelten des Beduinencamps aussehen würde: Mein Eindruck war, dass alle über den „Luxus“ dieser für Touristen aufgemotzten Zelte überrascht waren. Ich habe noch nie bei den vielen Pfadfinderlagern, die ich in der Jugendarbeit organisiert oder besucht habe, in einem Zelt mit Strom, Ventilator, Waschbecken, WC und Dusche übernachtet! Dazu auch noch eine Himmelsbett-Decke. Und freies W-LAN auf dem Camp. Purer Luxus! Ich habe es richtig genossen und hätte nichts dagegen gehabt, dort mehrere Nächte zu verbringen. Vor allem, um den Sonnenuntergang und den herrlichen Sternenhimmel zu betrachten und um den Wind wehen zu hören und ihn an den Seitenwänden zu spüren.

Nach dem Abendessen, das teilweise im Erdloch gegart worden war und vor unseren neugierigen Blicken aus dem Erdloch geholt wurde, gingen wir recht bald ins Bett: Der Besuch von Petra war – trotz der „milden“ Temperatur bei einer leichten, erfrischenden Brise – für alle sehr anstrengend gewesen. Außerdem wollten einige von uns den Sonnenaufgang auch noch erleben – das würde bedeuten, um 5.30 Uhr aufstehen!

 

Ergänzende Fotos von 2013 und 2015 folgen!

 

Zur Vertiefung:

 

 

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edp – Eine Denk-Pause