Jerusalem-Kalender FEBRUAR

Der Garten Gethsemane liegt am Fuß des Ölbergs. An seinen nächtlichen Todeskampf und an den Verrat erinnert die Kirche aller Nationen.

Was ist hier zu sehen?

1 – Der Garten Gethsemane
Der Garten Gethsemane liegt am Fuß des Ölbergs gleich neben dem Kidrontal, östlich der Altstadt. Mit „Garten“ war damals eher eine Obstplantage gemeint, kein Blumengarten. Hier kann man Olivenbäume bewundern, dessen Wurzeln (also nicht die Bäume selbst!) zweitausend Jahre alt sein dürften.
Der Name „Gethsemane“ stammt aus dem hebräischen „Gath-Shamma“: Ölpresse. Der moderne hebräische Name ist „Gat Schmanim“.

2 – Blick auf das Goldene Tor
Dieses Tor ist das einzige in der Stadtmauer, das – vom Ölberg kommend – direkt auf den Tempelberg führt. Allerdings ist es seit 1541 zugemauert. (Mehr im Monat Mai.)
Nach der christlichen Überlieferung betrat Jesus bei seinem letzten Besuch in Jerusalem die Stadt durch diese Pforte, während die Menschen ihm zujubelten und einen Teppich mit Kleidern und Palmenzweigen ausbreiteten. Durch dieses Tor dürfte er mit seinen Jüngern zum Garten Gethsemane gegangen sein: direkt gegenüber, nur ein paar Schritte entfernt. (Heute sind davor Gräber und eine stark befahrene Straße.)

3 – Kirche aller Nationen
Direkt am Garten erinnert diese Kirche an den Todeskampf, den Jesus hier im Garten Gethsemane am Abend vor seiner Kreuzigung im Gebet führte. Daher wird sie auch Todesangstbasilika genannt. Kirche der/aller Nationen heißt sie, weil der Bau von zwölf Ländern finanziert wurde. Gebaut wurde sie von 1919 bis 1925 auf dem Platz, wo zuvor zwei Vorgängerkirchen gestanden hatten (eine aus dem 4. Jhdt., die bei einem Erdbeben zerstört wurde, später eine 1170 geweihte, von der Teile des Fußbodens in der heutigen Kirche sichtbar sind), und zwar nach einem Entwurf von Antonio Barluzzi.
Dieser italienische Architekt (1884-1960) wird als „der Architekt des Heiligen Landes“ bezeichnet. Er baute u. a. auch eine Kirche auf dem Berg Tabor (Verklärungsberg), auf dem Berg der Seligpreisungen und am Grab des Lazarus in Bethanien.
Das farbenfrohe Giebelmosaik über dem Hauptportal zeigt Jesus als Mittler zwischen Himmel und Erde. Darunter stellen die Statuen auf den vier Säulen die Evangelisten (Matthäus, Markus, Lukas und Johannes) dar. Die Hirsche rechts und links vom Kreuz auf der Giebelspitze verweisen auf Psalm 42,2: „Wie ein Hirsch nach frischem Wasser lechzt, so sehne ich mich nach dir, o Gott!“ (Hfa)

4 – Innenkuppel
Blaugrüne Mosaiken schmücken die zwölf Kuppeln der Kirche. Die Mosaiken in der Apsis zeigen den Todeskampf …

5 – Mosaik
… die Mosaiken an den Seiten zeigen die Verhaftung und den Judaskuss.

Der biblische Bezug

Nachdem Jesus mit seinen Jüngern am Vorabend zum Freitag vor dem Passahfest zusammengegessen hatte, ging er mit ihnen „in einen Garten am Ölberg, der Gethsemane heißt“ (Matthäus 26,36 Hfa; GNB: „zu einem Grundstück“, was dem Grundtext am nächsten kommt; NLB: „in einen Olivenhain“).
Über den inneren Kampf Jesu im Garten Gethsemane am Vorabend seiner Verurteilung berichten die so genannten Synoptiker: Matthäus (26,36-56), Markus (14,32-52) und Lukas (22,39-46).

„In einem Garten ging die Welt verloren, in einem Garten ward die Welt erlöst.“

Blaise Pascal fasste die Bedeutung dessen, was in Gethsemane geschah, mit den Worten zusammen: „In einem Garten ging die Welt verloren, in einem Garten ward die Welt erlöst.“ Wie wahr! Die Erlösung fand am Kreuz statt, aber die letzte Entscheidung traf Jesus in jener Nacht in diesem Garten. Besser gesagt: Er traf dort die Entscheidung, nicht auszusteigen, obwohl die Versuchung, es zu tun, groß war. Warum? Wovor hatte Jesus in seinem Innersten Angst? „Nur“ vor der physischen Qual, die ihn erwartete?

Einerseits hatte er Angst, dass seine innige Beziehung zum Vater die Last der Sünden aller Menschen aller Zeiten nicht würde aushalten können. Und andererseits machte er sich Sorgen um die Zukunft seiner Mitarbeiter, seiner Jünger. Über beide Aspekte schreibt Ellen G. White in ihrem Buch über das Leben Jesu (aktueller Titel: „Der Sieg der Liebe“) Worte, die mich seit meiner Jugend sehr beeindruckt haben:

Als Christus spürte, dass seine Einheit mit dem himmlischen Vater unterbrochen war, befürchtete er, in seiner menschlichen Natur unfähig zu sein, den kommenden Konflikt mit den Mächten der Finsternis zu bestehen … Die Folgen dieses Konfliktes vor Augen, war das Herz von Christus mit Grauen über die Trennung von Gott erfüllt. Satan redete ihm ein, dass er als Bürge einer sündigen Welt auf ewig von Gott getrennt, mit Satans Reich verbunden und nie mehr mit dem Vater eins sein werde. … In seiner Todesangst klammerte er sich am kalten Boden fest, so als wollte er verhindern, noch weiter von seinem Vater weggezogen zu werden. (S. 533f.)

Dass seine drei engsten Mitarbeiter Petrus, Jakobus und Johannes ihn in der Stunde allein ließen, in der er ihre Nähe und Unterstützung im Gebet bitter nötig gehabt hätte, war sicher enttäuschend, aber seine Reaktion darauf ist ein weiterer Beweis seiner Liebe zu uns schwachen Menschen. Dazu Ellen G. White:

Die Schwachheit seiner Jünger weckte das Mitgefühl von Jesus. Er befürchtete, dass sie die Prüfung, die durch den Verrat an ihm und durch seinen Tod über sie kommen würde, nicht bestehen könnten. Er tadelte sie nicht, sondern sagte: „Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet!“ Selbst in seinem schweren Todeskampf suchte er ihre Schwachheit zu entschuldigen. „Der Geist ist willig“, sagte er, „aber die menschliche Natur ist schwach.“ (S. 535)

Die Ausführungen von Markus Spieker in seinem sehr empfehlenswerten Buch „JESUS. Eine Weltgeschichte“ über das Geschehen in jener Nacht haben mich sehr angesprochen:

Jesus sucht mit seinen Jüngern ein Gärtchen auf, das „Gethsemane“ heißt, übersetzt: „Ölpresse“. Früher wurden hier Oliven zu Olivenöl zerquetscht. Tatsächlich fühlt sich Jesus, als hätte ihn jemand durch eine Mühle gedreht. Sein Gehirn schüttet Stresshormone aus. Die Angst kriecht in ihm hoch. Seinen Jüngern gegenüber bezeichnet es sich als „todtraurig“. Nie zuvor hat er die Last seiner Verantwortung so intensiv gefühlt, nie die bevorstehenden Leiden so konkret vor Augen gehabt. … Dass die Evangelisten von der Bedürftigkeit des Gottessohns berichten, spricht für ihre Zuverlässigkeit. Von einem Gottessohn müsste man erwarten, dass er sich der Herausforderung stoisch stellt. Aber Jesus ist so stark, dass er seine Schwäche nicht verheimlichen muss.“ (S. 464f.)

Markus Spieker zitiert dann den Psychiater und Schriftsteller Alfred Döblin, der versucht hat, die Schmerzen, die Jesus erleidet, in Worte zu fassen:

Es ist keine äußere Todesart, die ihn erschreckt, die ihm den Blutschweiß austreibt und ihn bangen und trauern macht. Es ist die ungeheure Masse Gift, eine Welt von Tod und Todeskeim, die aufnehmen, in sich aufnehmen und paralysieren soll. (S. 465)

Und die Jünger? Markus Spieker:

Sie gleichen den törichten Jungfrauen, die sich auf eine kürzere Nacht eingestellt haben und damit den großen Auftritt des Bräutigams verpassen. (S. 466)

Abschließend ein Zitat von Dietrich Bonhoeffer dazu:

Die Feinde allein können keine Macht über ihn [Christus] gewinnen. Es gehört ein Freund dazu, ein nächster Freund, der ihn preisgibt, ein Jünger, der ihn verrät. Nicht von außen geschieht das Furchtbarste, sondern von innen. Der Weg Jesu nach Golgatha nimmt seinen Anfang mit Jüngerverrat. Die einen schlafen jenen unbegreiflichen Schlaf in Gethsemane (Matthäus 26,40), einer verrät ihn, zum Schluss „verließen ihn alle Jünger und flohen“ (Matthäus 26,56). („Illegale Theologenausbildung“, Finkenwalde 1935-1937, DBW Band 14, S. 973f.)

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