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Wenn das Etikett falsch ist

HINGESCHAUT. (6)

Kleine Beobachtungen. Große Gedanken.

Hier sind Etiketten hilfreich, aber: bei Menschen?
Die Beschriftung war irreführend. (Kurzfassung auf Instagram: #edp51)

Wenn das Etikett falsch ist.
Erst nach vier Tagen im Krankenhaus entdeckte ich, dass im Kleiderschrank ein Kühlschrank steckte! Wie konnte ich das bloß übersehen? Ganz einfach: Auf der kleinen Tür klebte ein Schild. Darauf stand der Hersteller und darunter – in großen Buchstaben – TRESOR.

Da ich keinen so großen Tresor benötigte, war die Sache für mich erledigt. Ich hatte ihn gewissermaßen gedanklich abgeheftet: Nicht interessant, brauche ich nicht. Bis ich eines Tages beobachtete, wie eine Krankenschwester beim Bettnachbarn seinen „Tresor“ öffnete. Und siehe da: Es war gar kein Tresor. Dahinter verbarg sich ein kleiner Kühlschrank – so, wie man ihn aus Hotels kennt.

Ich musste schmunzeln. Vier Tage lang hatte ich einen Kühlschrank direkt vor der Nase gehabt und ihn nicht einmal wahrgenommen. Ein einziges kleines Etikett hatte dafür gesorgt, dass ich gar nicht genauer hinsah.

Plötzlich wurde aus der kleinen Begebenheit eine große Frage: Machen wir das nicht manchmal auch mit Menschen? Wir versehen sie mit einem Etikett – und glauben anschließend zu wissen, wer oder wie sie sind.
Der ist schwierig.
Die ist arrogant.
Mit dem kann man nicht reden.
Die ist unzuverlässig.
Der hält sich wohl für etwas Besseres.
Die ist eben so.

Manchmal sind die Etiketten weniger offensichtlich. Dann heißen sie vielleicht
zu alt,
zu jung,
zu unerfahren,
zu erfolgreich,
zu still,
zu laut,
zu fremd,
nicht mein Typ.

  • Wenn das Etikett erst einmal klebt, schauen wir häufig gar nicht mehr genau hin.
  • Wir hören nicht mehr richtig zu, weil wir ohnehin schon zu wissen meinen, was der andere sagen wird.
  • Wir interpretieren sein Verhalten entsprechend unserer vorgefassten Meinung.
  • Ein unfreundlicher Blick bestätigt dann unseren Eindruck, während wir zehn freundliche Begegnungen längst vergessen haben.

Das Problem mit solchen Etiketten ist: Sie reduzieren einen ganzen Menschen auf ein einziges Merkmal – oder manchmal sogar auf eine einzige Erfahrung. Dabei kennen wir die Geschichte dieses Menschen vielleicht gar nicht. Wir wissen nicht, warum jemand gerade so reagiert.

  • Vielleicht trägt er eine Enttäuschung mit sich herum.
  • Vielleicht ist er unsicher.
  • Vielleicht hat er gerade einen schlechten Tag.
  • Vielleicht kämpft er mit etwas, von dem wir nichts ahnen.

Und selbst wenn unser Eindruck tatsächlich zutrifft:
Kein Mensch besteht nur aus seinen Schwächen, Fehlern oder Eigenheiten.

  • Der vermeintlich „schwierige“ Kollege kann ein wunderbarer Freund werden.
  • Die zurückhaltende Nachbarin kann ein großes Herz haben.
  • Der Mensch, den wir für arrogant halten, ist vielleicht einfach schüchtern.
  • Und hinter demjenigen, den wir vorschnell als unzuverlässig abgestempelt haben, kann ein Mensch stehen, der gerade selbst kaum noch den Überblick über sein Leben hat.

Natürlich müssen wir nicht naiv sein. Menschen können uns enttäuschen, verletzen oder ausnutzen. Grenzen zu setzen ist deshalb manchmal notwendig und richtig. Aber Grenzen sind etwas anderes als Vorurteile.
Ein Etikett sagt: Ich weiß, wie du bist.
Eine Grenze sagt: Ich habe erlebt, was passiert ist, und ich entscheide deshalb, wie ich damit umgehe.
Das ist ein großer Unterschied.

Vielleicht sollten wir uns deshalb angewöhnen, bei Menschen gelegentlich das Etikett abzunehmen und noch einmal genauer hinzusehen.

  • Nicht sofort urteilen, sondern nachfragen.
  • Nicht vorschnell einordnen, sondern zuhören.
  • Nicht nur auf das achten, was uns stört, sondern auch auf das, was wir bisher übersehen haben.

Vielleicht entdecken wir dabei etwas, womit wir überhaupt nicht gerechnet haben. So wie ich nach vier Tagen einen Kühlschrank entdeckt habe, den ich für einen Tresor gehalten hatte.
Und vielleicht liegt darin sogar eine kleine geistliche Lektion:

Gott lässt sich von unseren Etiketten nicht beeindrucken:

  • Er sieht nicht nur das, was andere über uns sagen.
  • Er sieht nicht nur unsere Erfolge und schon gar nicht nur unsere Fehler.
  • Er kennt unsere Geschichte, unsere Motive, unsere Verletzungen, unsere Ängste und unsere Hoffnungen.
  • Er kennt uns durch und durch.
    Und das Erstaunliche ist: Er liebt uns trotzdem. Oder besser gesagt: gerade deshalb.

Seine Liebe hängt nicht davon ab, welches Etikett andere Menschen uns aufgeklebt haben. Und auch nicht davon, ob wir dem Bild entsprechen, das wir gerne von uns selbst vermitteln.

  • Gott sieht den ganzen Menschen.
  • Mit allem, was gelungen ist.
  • Mit allem, was misslungen ist.
  • Mit allem, was andere sehen – und mit dem, was niemand sieht.

Vielleicht ist das ein guter Grund, auch bei unseren Mitmenschen etwas vorsichtiger mit Etiketten zu sein. Denn vielleicht steckt hinter einem Menschen, den wir längst abgestempelt haben, viel mehr, als wir bisher entdeckt haben.

 

Abstract:
It wasn’t until I’d been in hospital for four days that I realised there was a fridge in the wardrobe! How on earth could I have missed it? Quite simply: there was a label stuck to the little door. It listed the manufacturer and, underneath – in large letters – ‘TRESOR’. For four days, I’d had a fridge right under my nose and hadn’t even noticed it. A single little label had ensured that I didn’t look any closer.
Suddenly, this little incident turned into a big question: don’t we sometimes do the same with people? We stick a label on them – and then think we know who or what they are.

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Resumen
¡No fue hasta después de cuatro días en el hospital cuando me di cuenta de que en el guardarropa había una nevera! ¿Cómo se me pudo pasar por alto? Muy sencillo: en la puerta pequeña había una etiqueta pegada. En ella ponía el nombre del fabricante y, debajo, en letras grandes, «TESORO». Durante cuatro días había tenido una nevera justo delante de las narices y ni siquiera me había dado cuenta. Una simple etiquetita había hecho que no me fijara.
De repente, ese pequeño suceso se convirtió en una gran pregunta: ¿no hacemos a veces lo mismo con las personas? Les ponemos una etiqueta… y luego creemos saber quiénes son o cómo son.

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