Alle Beiträge von Elí Diez-Prida

Teures Parken

HINGESCHAUT. (9)

Kleine Beobachtungen. Große Gedanken.

Das hat man davon, wenn man nicht aufpasst! (Kurzfassung auf Instagram: #edp51)

Das hat man davon, wenn man nicht genau auf die Verkehrszeichen achtet! Als ich kürzlich den jüdischen Friedhof besuchte, parkte ich gegenüber und „entdeckte“, dass es bis zum Klinikum nur 100 Meter sind. „Super“, dachte ich mir, „wenn ich das nächste Mal hin muss, kann ich hier kostenlos parken und mir die Parkhausgebühren sparen!“

Das nächste Mal war jetzt am Montag. Ich blieb dort für eine Nacht, freute mich über den kurzen Weg zum Auto – und dann kam der Schock, als ich mir die zwei Verwarnungszettel unter dem Scheibenwischer ansah. Kleine Verwarnungen (z. B. über zehn Euro) habe ich manchmal gehabt. Aber was las ich da? Zweimal 55,00 Euro! Für den Montag 55,00 und für den Dienstag denselben Betrag!

Ich fiel aus allen Wolken, war mir keiner Schuld bewusst: Ich blockierte keine Einfahrt, daneben standen andere Autos, sogar ein Wohnmobil. Inzwischen weiß ich, was ich falsch gemacht habe: Ich bin nicht nur durch eine „Anlieger frei“-Straße gefahren, sondern habe auch dort fast zwei volle Tage geparkt. (Allerdings frage ich mich, wie Besucher des jüdischen Friedhofs dorthin fahren sollen und ob sie auch nicht während des Friedhofsbesuchs gegenüber parken dürfen. Ich werde beim Straßenverkehrsamt nachfragen.)

Der persönliche Ärger ist berechtigt: Für 110 Euro hätte ich viermal mit dem Taxi fahren oder elf Tage im Klinikum-Parkhaus parken können! Aber schuld bin nur ich, weil ich das Verkehrszeichen missachtet habe.

Dieses Schild habe ich missachtet.
Diese Schilder zu übersehen oder zu missachten kann sehr gefährlich sein!

Verkehrszeichen zu übersehen oder zu missachten kann sehr gefährlich werden, so zum Beispiel vor einem schrankenlosen Bahnübergang. Oder wenn man dem Navi im Auto mehr vertraut als dem Verkehrszeichen am Fähranleger. Oder wenn man in die falsche Autobahnspur einfährt und zum Blindfahrer wird.

Im übertragenen Sinne können uns „Warnschilder“ auch vor seelischen, geistigen und geistlichen Gefahren bewahren – wenn wir bereit sind, auf sie zu achten.

  • Da gibt es zum Beispiel das Warnschild „Achtung: falsche Richtung!“ Wenn wir merken, dass wir uns immer mehr von einem Menschen entfernen, den wir eigentlich lieben, wäre es vielleicht Zeit, innezuhalten und die eigene Richtung zu überprüfen.
  • Oder „Vorsicht: Schleudergefahr!“ Manchmal bringen uns Ärger, Enttäuschung oder verletzter Stolz so sehr ins Schleudern, dass wir Dinge sagen oder tun, die wir später bereuen.
  • „Abstand halten!“ kann ebenfalls ein guter Hinweis sein. Nicht nur im Straßenverkehr. Auch Beziehungen brauchen manchmal gesunden Abstand. Und manche Menschen tun gut daran, nicht jede Grenze anderer zu überschreiten.
  • „Sackgasse!“ – ein wichtiges Zeichen, wenn wir merken, dass ein eingeschlagener Weg uns nicht weiterbringt. Eine Gewohnheit, eine Einstellung, ein Umgang mit anderen oder eine Entscheidung kann sich als Sackgasse erweisen. Dann ist Umkehren keine Niederlage, sondern eine vernünftige Entscheidung.
  • Und schließlich gibt es das wohl wichtigste Verkehrszeichen überhaupt: „STOPP!“ Manchmal wäre es gut, wenn wir dieses Zeichen rechtzeitig erkennen würden: Stopp mit dem Streit. Stopp mit den Vorwürfen. Stopp mit dem Grübeln. Stopp mit einer Gewohnheit, die uns selbst oder anderen schadet.

Gott hat uns keine himmlischen Verwarnungszettel unter den Scheibenwischer geklemmt. Aber er hat uns in der Bibel erstaunlich viele Hinweise gegeben, die uns schützen können: vor falschen Entscheidungen, vor zerstörerischen Beziehungen, vor Selbstüberschätzung, Habgier, Unversöhnlichkeit oder einem Leben, das irgendwann in eine Sackgasse führt.

Viele dieser Hinweise sind keine Verbote um ihrer selbst willen. Sie sind eher wie Verkehrszeichen: Sie wollen uns nicht die Freude am Leben verderben, sondern uns einen sicheren Weg zum Ziel zeigen.

David dichtete in einem Lied: „Du sprichst zu mir: »Ich will dich lehren und dir den Weg zeigen, den du gehen sollst; ich berate dich, nie verliere ich dich aus den Augen.“ (Psalm 32,8)

Und das vielleicht Schönste daran: Wenn wir uns einmal völlig verfahren haben, gibt es nicht nur den Hinweis „Bitte wenden!“. Gott zeigt uns auch den Weg zurück.

Ich hätte mir die 110 Euro gern erspart. Aber vielleicht waren die beiden Zettel unter meinem Scheibenwischer doch eine ziemlich teure – und zugleich nützliche Erinnerung: Es lohnt sich, die Schilder ernst zu nehmen. Auf der Straße. Und im Leben.

 

Abstract:
Failing to notice or disregarding road signs can be very dangerous – for example, at an unguarded level crossing. Or if you trust your sat-nav in the car more than the road sign at the ferry terminal. Or if you merge into the wrong lane on the motorway and become a driver who puts lives at risk.
In a figurative sense, ‘warning signs’ can also protect us from emotional, mental and spiritual dangers – if we are prepared to pay attention to them.
In the Bible, God has given us an astonishing number of guidelines that can protect us: from wrong decisions, from destructive relationships, from overconfidence, greed, unforgiveness or a life that eventually leads to a dead end.

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Resumen
Pasar por alto o ignorar las señales de tráfico puede ser muy peligroso, por ejemplo, ante un paso a nivel sin barreras. O cuando confías más en el navegador del coche que en la señal de tráfico del embarcadero del ferry. O cuando te metes en el carril equivocado de la autopista y te conviertes en un conductor peligroso.
En sentido figurado, las «señales de advertencia» también pueden protegernos de peligros emocionales, mentales y espirituales, si estamos dispuestos a prestarles atención.
Dios nos ha dado en la Biblia una cantidad asombrosa de consejos que pueden protegernos: de decisiones equivocadas, de relaciones destructivas, de la sobrestima de uno mismo, de la codicia, de no querer perdonar o de una vida que, tarde o temprano, acaba en un callejón sin salida.

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Bringt die Widerspruchslösung die Wende?

Organspende-Logo. Sieger eines von DIATRA durchgeführten Wettbewerbs. (Foto: DIATRA, CCL 4.0 int.)
„Organspendeausweis“ bedeutet nicht, dass man Organspender ist. Es bedeutet nur: Ich habe rechtzeitig eine Entscheidung getroffen ...
... denn es gibt fünf Alternativen zum Ankreuzen.

Beim Thema Organspende richten sich viele Blicke nach Spanien: Mit einer Quote von regelmäßig über 50 Spendern pro Million Einwohner verzeichnet Spanien die höchste Spenderzahl weltweit und übertrifft den Durchschnitt der Europäischen Union um mehr als das Doppelte.

Greift die verbreitete Formel „Spanien hat die Widerspruchslösung, deshalb gibt es dort so viele Organspenden“ zu kurz? So ist es: Die Widerspruchslösung ist ein Baustein des spanischen Erfolgs, aber nicht der entscheidende alleinige Grund. Spanien hat seit 1989 ein umfassendes „Spanisches Modell“ aufgebaut, in dem Organisation, Krankenhausstrukturen, Transplantationskoordinatoren, Ausbildung, Qualitätskontrolle und Öffentlichkeitsarbeit zusammenspielen.

1. Der Unterschied zwischen Deutschland und Spanien ist tatsächlich enorm

2024 hatte Spanien 53,9 Organspender pro Million Einwohner; Deutschland kam 2025 auf 11,8 pro Million. Die Jahre sind nicht identisch, aber die Größenordnung zeigt den gewaltigen Unterschied.

Interessant ist aber der Blick auf andere Länder mit Widerspruchslösung. 2024 lagen beispielsweise:
• Portugal: 36,7
• Tschechien: 34,3
• Belgien: 32,8
• Kroatien: 31,0
• Finnland: 28,9
• Frankreich: etwa 28
• Spanien: 53,9

Die Widerspruchslösung führt also keineswegs automatisch zu spanischen Verhältnissen.

2. Was ist das Besondere am spanischen Modell?

Die spanische Nationale Transplantationsorganisation (Organización Nacional de Trasplantes, ONT) selbst betont ausdrücklich, dass das „Modelo Español“ nicht einfach aus der Widerspruchslösung besteht. Es umfasst unter anderem:

  • eine Koordination auf nationaler, regionaler und Krankenhausebene,
  • speziell ausgebildete Transplantationskoordinatoren in den Krankenhäusern,
  • häufig Intensivmediziner als Koordinatoren,
  • eine aktive Suche nach möglichen Organspendern,
  • systematische Qualitätskontrolle des gesamten Spendeprozesses,
  • kontinuierliche Ausbildung des medizinischen Personals,
  • eine zentrale Organisation, die die Abläufe zwischen Krankenhäusern und Transplantationszentren koordiniert.

Besonders interessant ist die Rolle der Krankenhauskoordinatoren. Sie warten nicht darauf, dass irgendwo ein Organspendeausweis auftaucht. Sie sind in den Krankenhäusern eingebunden und helfen dabei, mögliche Spender überhaupt zu erkennen und den gesamten Prozess professionell zu begleiten.

3. Und was ist mit der Familie?

Man könnte denken: Widerspruchslösung bedeutet, dass die Ärzte einfach Organe entnehmen dürfen, wenn der Verstorbene zu Lebzeiten nicht widersprochen hat. So funktioniert Spanien in der Praxis nicht. Die spanische ONT erklärt ausdrücklich: Gibt es keine dokumentierte Willenserklärung, wird die Familie einbezogen. Die Organisation geht davon aus, dass Angehörige den Willen des Verstorbenen respektieren.

Das bedeutet: Auch bei der Widerspruchslösung bleibt das Gespräch mit den Angehörigen ein zentraler Bestandteil. Damit wird ein weiterer Punkt deutlich: Entscheidend ist nicht nur, was im Gesetz steht, sondern auch, wie Ärzte, Pflegekräfte und Koordinatoren mit den Angehörigen sprechen.

4. Haben andere Länder die gleiche Erfahrung gemacht?

Nein. Und genau das macht die Sache wissenschaftlich spannend. Untersuchungen über viele Länder zeigen zwar einen Zusammenhang: Länder mit Widerspruchssystemen haben im Durchschnitt höhere Raten an postmortalen Spendern. Eine internationale Untersuchung von 48 Ländern fand beispielsweise höhere Raten verstorbener Spender.

Aber andere Studien kommen zu einer wesentlich vorsichtigeren Einschätzung. Eine Analyse kommt beispielsweise zu dem Ergebnis, dass der unmittelbare Effekt der gesetzlichen Voreinstellung nur einen relativ kleinen Teil der tatsächlichen Spendeentscheidungen betrifft – insbesondere, weil Angehörige und die konkrete Organisation des Spendeprozesses eine große Rolle spielen.

Das spanische Ergebnis lässt sich deshalb nicht einfach auf das Gesetz reduzieren.

5. Was könnte Deutschland von Spanien lernen?

Vier Punkte springen besonders ins Auge:

1. Organspende wird als Prozess organisiert.
Nicht erst am Ende des Lebens wird gefragt: „Hat der Patient einen Organspendeausweis?“ Das Krankenhaus hat Strukturen, um mögliche Spender frühzeitig zu erkennen.

2. Es gibt professionelle Ansprechpartner.
Die spanischen Transplantationskoordinatoren sind ein wesentlicher Bestandteil des Systems.

3. Die Angehörigen werden nicht als Hindernis betrachtet.
Das Gespräch mit der Familie gehört zum Prozess. Die spanische Erfahrung zeigt, wie wichtig Vertrauen, Kommunikation und professionelle Begleitung sind.

4. Das System wird ständig überprüft.
Spanien hat ein eigenes Qualitätsprogramm entwickelt, mit dem untersucht wird, wo im Prozess mögliche Spender „verloren gehen“.
Und noch etwas ist bemerkenswert: Spanien hat seine hohen Zahlen nicht erst durch die Diskussion um die Widerspruchslösung erreicht. Die entscheidende Entwicklung begann bereits mit dem Aufbau der ONT und des spanischen Modells ab 1989. Die ONT beschreibt einen Anstieg von etwa 14 Spendern pro Million Einwohner damals auf heute mehr als 50.

Fazit

Spanien zeigt nicht, dass die Widerspruchslösung funktioniert. Spanien zeigt vielmehr, was möglich ist, wenn eine Widerspruchslösung in ein funktionierendes System eingebettet wird.

Drei Meinungen dazu und zur Pro- und Contra-Diskussion:
  • Mehr Organspenden erreiche man nicht durch eine Widerspruchsregelung, sondern durch umfassende Aufklärung, niedrigschwellige Registrierungsmöglichkeiten und strukturelle Verbesserungen in den Kliniken, meint der CSU-Abgeordnete Stephan Pilsinger, Mitinitiator des eingebrachten Antrags gegen die Widerspruchsregelung.
  • Der SPD-Abgeordnete Stefan Schwarze meint, eine Widerspruchsregelung bedeute weder einen Zwang noch eine Pflicht zur Organspende. Ein „Nein“ werde jederzeit und ohne Begründung verbindlich respektiert.
  • Ich persönlich verstehe die Aufregung um die Debate Zustimmungslösung vs. Widerspruchslösung nicht: Wieso soll die Widerspruchslösung Zwang zur Organspende bedeuten? Wieso soll diese Lösung eine Verletzung der Selbstbestimmung sein? Wieso soll dadurch der Körper im Todesfall zum Objekt des Staates oder der Medizin werden, sodass die persönliche Integrität nicht gewahr bleibt? Wieso soll mit dieser angedachten Regelung aus der Organspende eine „Organabgabe“ unvereinbar mit der Menschenwürde werden? Und last but not least: Wieso soll die Widerspruchslösung eine Belastung für die Hinterbliebene bedeuten?
    (Fast) jeder Mensch kann sich rechtzeitig mit dem Thema befassen und dann per Patientenverfügung und Organspendeausweis seine Entscheidung treffen – unabhängig von der dann geltenden gesetzlichen Regelung. Bisher mussten diejenigen aktiv werden, die spenden wollen, mit der Widerspruchsregelung müssten jene aktiv werden, die sich gegen die Organspende aussprechen. Bei der Einschränkung „fast jeder Mensch kann …“ denke ich an Menschen mit Sprachbarrieren, geringem Bildungsstand oder kognitiven Einschränkungen – in diesen Fällen wäre natürlich eine angemessene, verständliche Aufklärung und Beratung nötig und sicher auch möglich.

Näheres zum Thema:

 

Abstract:
When it comes to organ donation, many eyes turn to Spain: with a rate regularly exceeding 50 donors per million inhabitants, Spain has the highest number of donors worldwide and is more than double the European Union average.
Does the common assumption that ‘Spain has the opt-out system, which is why there are so many organ donations there’ fall short? That is indeed the case: the opt-out system is a key component of Spain’s success, but it is not the sole decisive factor. Since 1989, Spain has developed a comprehensive ‘Spanish model’ in which organisation, hospital structures, transplant coordinators, training, quality control and public relations work together..

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Resumen
Cuando se habla de donación de órganos, muchos miran hacia España: con una tasa que suele superar los 50 donantes por cada millón de habitantes, España registra el mayor número de donantes del mundo y supera en más del doble la media de la Unión Europea.
¿Se queda corta la típica frase de que «España tiene el sistema de presunción de consentimiento, por eso hay tantas donaciones de órganos»? Así es: el sistema de presunción de donante es un pilar del éxito español, pero no es la única razón decisiva. Desde 1989, España ha ido construyendo un «modelo español» integral en el que se combinan la organización, las estructuras hospitalarias, los coordinadores de trasplantes, la formación, el control de calidad y la divulgación.

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Erntedank – noch zeitgemäß?

Für unsere Groß- und Urgroßeltern konnte eine schlechte Ernte über Wohlstand oder Not entscheiden.
Wir leben von der Ernte anderer – und merken es kaum noch. (Foto: analogicus, pixabay.com)

Erntedank. Für viele gehört das Wort irgendwie zum Herbst: geschmückte Kirchen, Körbe mit Äpfeln, Kartoffeln und Kürbissen, vielleicht ein Gottesdienst am Sonntag. Schön – aber auch ein bisschen aus der Zeit gefallen?

Schließlich leben die meisten von uns nicht mehr davon, was auf dem eigenen Feld wächst. Wir gehen in den Supermarkt und finden dort fast alles, was wir brauchen. Erdbeeren im Winter, Bananen aus Südamerika, Tomaten aus Spanien. Die Regale sind voll. Und wenn einmal etwas fehlt, ist das meistens nur eine kurze Irritation.

Unsere Groß- und Urgroßeltern erlebten das anders. Eine schlechte Ernte konnte über Wohlstand oder Not entscheiden. Frost zur falschen Zeit, zu viel Regen oder eine lange Trockenheit waren keine Nachrichten aus der Wetter-App, sondern konnten existenzielle Folgen haben. Man wusste noch sehr unmittelbar: Von der Ernte hängt vieles ab.

Erntedank war deshalb mehr als ein hübscher Brauch. Es war ein Ausdruck der Erleichterung und der Dankbarkeit: Die Ernte ist eingebracht. Wir haben genug zu essen. Wir können dem Winter entgegengehen.

Was ist davon geblieben?

Heute haben wir uns weitgehend von dieser unmittelbaren Abhängigkeit entfernt. Zumindest scheint es so. Denn eigentlich sind wir nach wie vor abhängig – nur sehen wir die Zusammenhänge kaum noch:

  • Hinter einem Brot stehen Getreide, Boden, Regen und Sonne, aber auch die Arbeit eines Landwirts, Maschinen, Transport und viele weitere Menschen.
  • Hinter einem Apfel stehen nicht nur ein Baum und ein Stück Erde, sondern auch Pflege, Wetter, Ernte und Vermarktung.
  • Unser voller Kühlschrank ist das Ergebnis eines riesigen Zusammenspiels.

Vielleicht ist genau das eine moderne Bedeutung des Erntedankfestes: Es erinnert uns daran, dass unser Leben nicht nur aus dem besteht, was wir selbst leisten.

Danken für das, was wir nicht gemacht haben

Das ist auch der ursprüngliche christliche Gedanke des Erntedanks:

  • Der Mensch arbeitet – aber er lässt die Sonne nicht scheinen.
  • Er sät – aber er kann das Wachstum nicht erzwingen.
  • Er kann vieles planen und organisieren, aber längst nicht alles liegt in seiner Hand.

Die Bibel erinnert deshalb immer wieder daran, dass wir Menschen letztlich Empfangende sind. Wir leben von Dingen, die wir uns nicht selbst gegeben haben.

Das kann man sehr religiös verstehen. Man muss es aber nicht. Denn auch wer mit Kirche und Glauben wenig anfangen kann, kennt vermutlich Augenblicke, in denen ihm bewusst wird: Da ist vieles in meinem Leben, das ich nicht selbst gemacht habe.

Menschen, die uns begleiten. Eine Familie. Freundschaften. Gesundheit. Ein Zuhause. Ein Arbeitsplatz. Eine Landschaft, in der wir gerne leben. Ein gutes Gespräch zur richtigen Zeit. Ein Mensch, der uns geholfen hat, ohne etwas dafür zu verlangen. Nichts davon wächst auf einem Feld. Und trotzdem sind es Ernten unseres Lebens.

Vielleicht ist Erntedank heute wichtiger denn je

Früher erinnerte Erntedank daran, dass eine gute Ernte nicht selbstverständlich war. Heute könnte es uns daran erinnern, dass unser ganzes Leben nicht selbstverständlich ist.

Wir haben uns daran gewöhnt, vieles als gegeben hinzunehmen. Wir erwarten, dass Wasser aus dem Hahn kommt, Strom aus der Steckdose und Lebensmittel im Supermarkt liegen. Wir planen unseren Alltag Monate im Voraus und ärgern uns, wenn etwas nicht funktioniert.

Dankbarkeit unterbricht diese Selbstverständlichkeit. Sie zwingt uns nicht, alles schönzureden. Es gibt auch in unserem Leben Missernten: Krankheiten, Enttäuschungen, Verluste und Dinge, die anders gekommen sind, als wir gehofft hatten. Aber vielleicht bedeutet Dankbarkeit gerade nicht, dass alles gut ist. Vielleicht bedeutet sie, das Gute nicht zu übersehen, obwohl nicht alles gut ist.

Was bleibt vom Erntedank? Vielleicht braucht Erntedank deshalb gar nicht unbedingt einen großen Erntealtar. Vielleicht reicht manchmal ein Augenblick, in dem wir innehalten und uns fragen:

  • Was ist mir in diesem Jahr geschenkt worden?
  • Was habe ich bekommen, ohne es verdient oder geplant zu haben?
  • Wofür könnte ich einmal ganz bewusst „Danke“ sagen?

Das christliche Erntedankfest gibt darauf eine klare Antwort: Hinter allem Guten steht letztlich Gott als der Geber des Lebens. Wer das glaubt, kann seinen Dank an Gott richten. Wer sich mit dieser Antwort schwertut, kann trotzdem mit der Frage beginnen. Denn vielleicht ist das Wichtigste am Erntedankfest gar nicht die Ernte. Vielleicht ist es das Danken.

 

Abstract:
In the past, the harvest festival (Thanksgiving) served as a reminder that a good harvest was not something to be taken for granted. Today, it could serve as a reminder that our whole life is not something to be taken for granted.
People work – but they cannot make the sun shine.
They sow – but they cannot force growth.
They can plan and organise many things, but by no means everything is in their hands.
The Bible therefore reminds us time and again that we humans are, ultimately, recipients. We live on things that we have not given to ourselves.

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Resumen
Antes, la fiesta de la cosecha nos recordaba que una buena cosecha no era algo que se diera por sentado. Hoy en día, podría recordarnos que toda nuestra vida tampoco es algo que se dé por sentado.
El ser humano trabaja, pero no hace que luzca el sol.
Siembra, pero no puede forzar el crecimiento.
Puede planificar y organizar muchas cosas, pero no todo está en sus manos, ni mucho menos.
Por eso, la Biblia nos recuerda una y otra vez que, en última instancia, los seres humanos somos receptores. Vivimos de cosas que no nos hemos dado a nosotros mismos.

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Das Puzzle meines Lebens

HINGESCHAUT. (8)

Kleine Beobachtungen. Große Gedanken.

Da liegt einiges vor. Eine kurzweilige Herbstbeschäftigung. (Bild: FotoRieth, pixabay.com)
Je näher am Ziel, desto größer die Aufregung: Wird ein Teil fehlen? (Kurzfassung auf Instagram: #edp51)

Ob alle Puzzleteile da sind? Oder hat der Staubsauger welche geschluckt? Unsere Kinder haben begeistert gepuzzelt. Bei 3.000er- und 5.000er-Puzzles konnte das schon einmal wochenlang dauern. Je näher sie sich dem Abschluss näherten, desto aufregender wurde es: Ob auch das letzte Stück vorhanden sein wird?

Wir, meine Frau und ich, staunten darüber, in welcher Geschwindigkeit sie die Teile einsetzten, nachdem der Rahmen erst einmal gelegt war. Eine große, eigentlich unentbehrliche Hilfe war dabei die Schachtel, auf der das fertige Puzzle abgebildet war. Immer wieder wurde darauf geschaut: Wie sieht das Bild eigentlich aus? Wo könnte dieses Teil hingehören?

Und am Schluss war die Schachtel manchmal sogar die letzte Rettung, wenn tatsächlich ein Teil fehlte: Die ungefähre Stelle wurde ausgeschnitten und so passend wie möglich in die Lücke geklebt. Aus der Entfernung fiel die kleine Kaschierung kaum auf.

Gleicht unser Leben nicht auch einem riesigen Puzzle?

Tag für Tag kommen neue Teile dazu. Manche werden nach einem gewissen System eingefügt, andere eher willkürlich platziert. Manchmal lässt sich ein Muster erkennen, manchmal sehen wir nur ein verwirrendes Durcheinander. Manche Puzzleteile setzen wir bewusst. Andere werden uns einfach vorgegeben oder sogar aufgedrängt. Und manchmal halten wir ein Teil in der Hand und wissen überhaupt nicht, wohin es gehört.

Wie hilfreich wäre es, wenn es einen Rahmen und ein Bild zur Orientierung gäbe – so wie auf der Puzzleschachtel! Gibt es so etwas tatsächlich?

Wer davon ausgeht, dass unser Leben nicht einfach ein Zufallsprodukt ist, sondern dass hinter diesem Leben ein Schöpfer steht, darf auch nach einer Orientierung fragen. Nach einem Bild, das uns hilft, die einzelnen Teile einzuordnen.

Christen glauben, dass Gott uns eine solche Orientierung gegeben hat: in seinem Wort, der Bibel. Sie ist keine Gebrauchsanweisung, in der für jede einzelne Lebenssituation die passende Antwort auf Seite 247 steht. Aber sie enthält so etwas wie einen Rahmen, der unserem Leben Halt und Richtung geben kann.

Jesus fasste diesen Rahmen einmal erstaunlich einfach zusammen: Liebe Gott – und liebe deinen Mitmenschen (vgl. Matthäus 22,37–40).

Das ist kein fertiges Lebenspuzzle. Aber es kann helfen, die vielen einzelnen Teile einzuordnen: unsere Entscheidungen, unsere Beziehungen, unseren Umgang mit anderen, unseren Umgang mit uns selbst.

Und dann kommt irgendwann der Moment, an dem das Puzzle fertig sein sollte. Vielleicht stellen wir dann fest: Manche Teile fehlen. Nicht weil der Staubsauger sie verschluckt hat. Sondern weil wir selbst sie verloren haben.

  • Verpasste Gelegenheiten.
  • Ungesagte Worte.
  • Nicht ausgesprochene Bitten um Verzeihung.
  • Gebrochene Versprechen.
  • Entscheidungen, die wir heute anders treffen würden.

Solche Lücken lassen sich nicht einfach mit einem ausgeschnittenen Stück von einer Puzzleschachtel kaschieren. Unser Leben ist eben kein Puzzle, bei dem man am Ende fehlende Teile einfach nachbestellen kann. Und genau hier wird für mich der Gedanke an Gott wichtig.

  • Ich muss am Ende meines Lebens kein perfektes Kunstwerk abliefern.
  • Ich darf darauf vertrauen, dass ein Größerer als ich mein Zukurzkommen ausgleicht.
  • Dass er mein Versagen vergeben und meinen Mangel ausfüllen kann.
  • Dass er nicht nur das sieht, was in meinem Leben fehlt, sondern auch meine Motive, meine Sehnsucht und mein Bemühen.

Der Gedanke macht mir Mut: Gott erwartet kein perfektes Puzzle. Er kann auch mit den Lücken etwas anfangen.

 

Abstract:
Doing puzzles is exciting, especially towards the end: are all the pieces really there? Our lives are like a jigsaw puzzle. Some pieces are missing: missed opportunities. Words left unsaid. Unspoken pleas for forgiveness. Broken promises. As I reach the end of my life, I can trust that Someone greater than myself will make up for what I have fallen short of, and forgive my failures. He sees not only what is missing from my life, but also my motives, my longings and my efforts. God does not expect a perfect jigsaw puzzle. He can still make sense of it, even with the gaps.

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Resumen
Hacer un puzle es emocionante, sobre todo al final: ¿están realmente todas las piezas? Nuestra vida se parece a un puzle. Faltan algunas piezas: oportunidades perdidas. Palabras que no se han dicho. No haber pedido perdón. Promesas incumplidas. Al final de mi vida, puedo confiar en que alguien más grande que yo compensará mis carencias y perdonará mis fracasos. Alguien que no solo ve lo que falta en mi vida, sino también mis motivos, mis anhelos y mi esfuerzo. Dios no espera un puzle perfecto. Él también sabe qué hacer con las piezas que faltan.

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Vergleichen macht nicht glücklich

HINGESCHAUT. (7)

Kleine Beobachtungen. Große Gedanken.

Wir vergleichen dabei meistens Dinge, die sich gar nicht sinnvoll vergleichen lassen. Denn der äußere Schein kann täuschen. (Foto KI generiert)
Wer von beiden hat mehr? (Kurzfassung auf Instagram: #edp51)

Unser vierjähriger Enkel weint, obwohl er gerade 50 Euro für seine Sparbüchse bekommen hat. Wie ist das möglich? Ganz einfach: Seiner Schwester haben wir drei Geldscheine gegeben: 20+20+10 Euro. Er hat aber nur einen einzigen bekommen: einen 50-Euro-Schein!

Wir mussten lachen. Aber es war gar nicht so einfach, dem Vierjährigen zu erklären, dass sein einer Schein genauso viel wert ist wie die drei Scheine seiner Schwester.

Und plötzlich dachte ich: Machen wir Erwachsenen nicht manchmal genau denselben Fehler – nur auf einem etwas höheren Niveau?

Wir schauen auf andere und vergleichen:

  • Er hat das größere Haus.
  • Sie fährt das bessere Auto.
  • Er ist beruflich erfolgreicher.
  • Sie kann etwas, das mir nicht gelingt.
  • Andere reisen mehr, haben mehr Freunde, sehen jünger aus, sind sportlicher, kreativer, erfolgreicher …

Und schon beginnt unsere eigene Rechnung: Was habe ich – und was haben die anderen?

Das Problem: Wir vergleichen dabei meistens Dinge, die sich gar nicht sinnvoll vergleichen lassen. Denn der äußere Schein kann täuschen. Wir sehen bei anderen das, was nach außen sichtbar ist. Nicht aber ihre Sorgen, ihre Enttäuschungen, ihre schlaflosen Nächte oder den Preis, den sie für manches bezahlt haben. Wir vergleichen unser ganzes Leben mit dem Schaufenster eines anderen.

Und noch etwas: Wir sind nicht dafür gemacht, eine Kopie eines anderen zu sein. Jeder Mensch bringt seine eigene Geschichte mit, seine Erfahrungen, seine Möglichkeiten, seine Grenzen, seine Begabungen. Der eine hat vielleicht zehn Dinge gelernt, die der andere nicht kann. Dafür kann dieser etwas, das jenem völlig fehlt.

Ein 50-Euro-Schein wird nicht dadurch weniger wert, dass daneben drei Geldscheine (20+20+10) liegen.

Vielleicht gilt das auch für uns. Mein Wert hängt nicht davon ab, ob jemand anderes mehr kann, mehr besitzt oder mehr erreicht hat als ich. Ich bin einmalig. Wertvoll. Nicht erst dann, wenn ich mich im Vergleich mit anderen als „gut genug“ erweisen kann.

Vergleiche können uns in zwei ganz unterschiedliche Richtungen treiben: Sie können uns überheblich machen, wenn wir uns für besser halten. Oder sie können uns klein und unzufrieden machen, wenn wir uns für schlechter halten. Beides führt weg von dem, was wirklich zählt.

Vielleicht sollten wir deshalb gelegentlich aufhören, die Geldscheine neben uns zu zählen. Und genauer hinschauen:

  • Was habe ich eigentlich selbst in der Hand?
  • Was kann ich daraus machen?

Für mich gehört dazu auch der Gedanke: Gott hat mir Gaben und Fähigkeiten gegeben – nicht die eines anderen, sondern meine eigenen. Manche davon sind vielleicht noch verborgen. Andere kann ich weiterentwickeln und einsetzen.

Es geht nicht darum, möglichst viel von dem zu werden, was andere sind. Es geht darum, mit dem etwas zu machen, was mir anvertraut ist. Und es meinen Mitmenschen zur Verfügung zu stellen. Nicht ständig mehr erreichen und andere übertrumpfen, sondern zu dienen. So wie der Apostel Petrus in der Bibel schreibt: „Dient einander mit den Fähigkeiten, die Gott euch geschenkt hat.“ (1. Petrus 4,10)

Vielleicht ist mein „einer Schein“ viel wertvoller, als ich gerade denke!

 

Abstract:
We gave our four-year-old grandson 50 euros for his piggy bank – and he burst into tears! His sister, you see, had been given three notes: 20, 20 and 10 euros. He found it hard to understand that a 50-euro note is worth just as much as three smaller notes.
And what about us adults? We sometimes do the same. We compare what others have, can do or have achieved – with what we ourselves have. Yet we often only see the outward appearance. But appearances can be deceiving. We don’t see other people’s worries, their disappointments, their sleepless nights or the price they’ve paid for certain things. We compare our whole lives with someone else’s shop window. And we forget: every person is unique. Nobody needs to measure themselves against others to determine their worth.

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Resumen
A nuestro nieto de cuatro años le dimos 50 euros para su hucha… y se puso a llorar. Y es que su hermana había recibido tres billetes: 20 + 20 + 10 euros. No podía comprender que un billete de 50 euros valiera lo mismo que tres billetes más pequeños.
¿Y qué hay de nosotros, los adultos? A veces hacemos lo mismo. Comparamos lo que los demás tienen, pueden hacer o han conseguido con lo que tenemos nosotros. Pero a menudo solo vemos la imagen exterior. Y las apariencias pueden engañar. No vemos en los demás sus preocupaciones, sus decepciones, sus noches de insomnio ni el precio que han pagado por algunas cosas. Comparamos toda nuestra vida con el escaparate de otra persona. Y nos olvidamos de que cada persona es única. Nadie tiene que medirse con los demás para determinar su valor.

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Wenn das Etikett falsch ist

HINGESCHAUT. (6)

Kleine Beobachtungen. Große Gedanken.

Hier sind Etiketten hilfreich, aber: bei Menschen?
Die Beschriftung war irreführend. (Kurzfassung auf Instagram: #edp51)

Wenn das Etikett falsch ist.
Erst nach vier Tagen im Krankenhaus entdeckte ich, dass im Kleiderschrank ein Kühlschrank steckte! Wie konnte ich das bloß übersehen? Ganz einfach: Auf der kleinen Tür klebte ein Schild. Darauf stand der Hersteller und darunter – in großen Buchstaben – TRESOR.

Da ich keinen so großen Tresor benötigte, war die Sache für mich erledigt. Ich hatte ihn gewissermaßen gedanklich abgeheftet: Nicht interessant, brauche ich nicht. Bis ich eines Tages beobachtete, wie eine Krankenschwester beim Bettnachbarn seinen „Tresor“ öffnete. Und siehe da: Es war gar kein Tresor. Dahinter verbarg sich ein kleiner Kühlschrank – so, wie man ihn aus Hotels kennt.

Ich musste schmunzeln. Vier Tage lang hatte ich einen Kühlschrank direkt vor der Nase gehabt und ihn nicht einmal wahrgenommen. Ein einziges kleines Etikett hatte dafür gesorgt, dass ich gar nicht genauer hinsah.

Plötzlich wurde aus der kleinen Begebenheit eine große Frage: Machen wir das nicht manchmal auch mit Menschen? Wir versehen sie mit einem Etikett – und glauben anschließend zu wissen, wer oder wie sie sind.
Der ist schwierig.
Die ist arrogant.
Mit dem kann man nicht reden.
Die ist unzuverlässig.
Der hält sich wohl für etwas Besseres.
Die ist eben so.

Manchmal sind die Etiketten weniger offensichtlich. Dann heißen sie vielleicht
zu alt,
zu jung,
zu unerfahren,
zu erfolgreich,
zu still,
zu laut,
zu fremd,
nicht mein Typ.

  • Wenn das Etikett erst einmal klebt, schauen wir häufig gar nicht mehr genau hin.
  • Wir hören nicht mehr richtig zu, weil wir ohnehin schon zu wissen meinen, was der andere sagen wird.
  • Wir interpretieren sein Verhalten entsprechend unserer vorgefassten Meinung.
  • Ein unfreundlicher Blick bestätigt dann unseren Eindruck, während wir zehn freundliche Begegnungen längst vergessen haben.

Das Problem mit solchen Etiketten ist: Sie reduzieren einen ganzen Menschen auf ein einziges Merkmal – oder manchmal sogar auf eine einzige Erfahrung. Dabei kennen wir die Geschichte dieses Menschen vielleicht gar nicht. Wir wissen nicht, warum jemand gerade so reagiert.

  • Vielleicht trägt er eine Enttäuschung mit sich herum.
  • Vielleicht ist er unsicher.
  • Vielleicht hat er gerade einen schlechten Tag.
  • Vielleicht kämpft er mit etwas, von dem wir nichts ahnen.

Und selbst wenn unser Eindruck tatsächlich zutrifft:
Kein Mensch besteht nur aus seinen Schwächen, Fehlern oder Eigenheiten.

  • Der vermeintlich „schwierige“ Kollege kann ein wunderbarer Freund werden.
  • Die zurückhaltende Nachbarin kann ein großes Herz haben.
  • Der Mensch, den wir für arrogant halten, ist vielleicht einfach schüchtern.
  • Und hinter demjenigen, den wir vorschnell als unzuverlässig abgestempelt haben, kann ein Mensch stehen, der gerade selbst kaum noch den Überblick über sein Leben hat.

Natürlich müssen wir nicht naiv sein. Menschen können uns enttäuschen, verletzen oder ausnutzen. Grenzen zu setzen ist deshalb manchmal notwendig und richtig. Aber Grenzen sind etwas anderes als Vorurteile.
Ein Etikett sagt: Ich weiß, wie du bist.
Eine Grenze sagt: Ich habe erlebt, was passiert ist, und ich entscheide deshalb, wie ich damit umgehe.
Das ist ein großer Unterschied.

Vielleicht sollten wir uns deshalb angewöhnen, bei Menschen gelegentlich das Etikett abzunehmen und noch einmal genauer hinzusehen.

  • Nicht sofort urteilen, sondern nachfragen.
  • Nicht vorschnell einordnen, sondern zuhören.
  • Nicht nur auf das achten, was uns stört, sondern auch auf das, was wir bisher übersehen haben.

Vielleicht entdecken wir dabei etwas, womit wir überhaupt nicht gerechnet haben. So wie ich nach vier Tagen einen Kühlschrank entdeckt habe, den ich für einen Tresor gehalten hatte.
Und vielleicht liegt darin sogar eine kleine geistliche Lektion:

Gott lässt sich von unseren Etiketten nicht beeindrucken:

  • Er sieht nicht nur das, was andere über uns sagen.
  • Er sieht nicht nur unsere Erfolge und schon gar nicht nur unsere Fehler.
  • Er kennt unsere Geschichte, unsere Motive, unsere Verletzungen, unsere Ängste und unsere Hoffnungen.
  • Er kennt uns durch und durch.
    Und das Erstaunliche ist: Er liebt uns trotzdem. Oder besser gesagt: gerade deshalb.

Seine Liebe hängt nicht davon ab, welches Etikett andere Menschen uns aufgeklebt haben. Und auch nicht davon, ob wir dem Bild entsprechen, das wir gerne von uns selbst vermitteln.

  • Gott sieht den ganzen Menschen.
  • Mit allem, was gelungen ist.
  • Mit allem, was misslungen ist.
  • Mit allem, was andere sehen – und mit dem, was niemand sieht.

Vielleicht ist das ein guter Grund, auch bei unseren Mitmenschen etwas vorsichtiger mit Etiketten zu sein. Denn vielleicht steckt hinter einem Menschen, den wir längst abgestempelt haben, viel mehr, als wir bisher entdeckt haben.

 

Abstract:
It wasn’t until I’d been in hospital for four days that I realised there was a fridge in the wardrobe! How on earth could I have missed it? Quite simply: there was a label stuck to the little door. It listed the manufacturer and, underneath – in large letters – ‘TRESOR’. For four days, I’d had a fridge right under my nose and hadn’t even noticed it. A single little label had ensured that I didn’t look any closer.
Suddenly, this little incident turned into a big question: don’t we sometimes do the same with people? We stick a label on them – and then think we know who or what they are.

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Resumen
¡No fue hasta después de cuatro días en el hospital cuando me di cuenta de que en el guardarropa había una nevera! ¿Cómo se me pudo pasar por alto? Muy sencillo: en la puerta pequeña había una etiqueta pegada. En ella ponía el nombre del fabricante y, debajo, en letras grandes, «TESORO». Durante cuatro días había tenido una nevera justo delante de las narices y ni siquiera me había dado cuenta. Una simple etiquetita había hecho que no me fijara.
De repente, ese pequeño suceso se convirtió en una gran pregunta: ¿no hacemos a veces lo mismo con las personas? Les ponemos una etiqueta… y luego creemos saber quiénes son o cómo son.

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