HINGESCHAUT. (3)
Kleine Beobachtungen. Große Gedanken.
Während unserer jährlichen Urlaube am Bodensee beobachte ich gerne die Flugzeuge, die über uns hinwegziehen. Wegen der Nähe zum Flughafen Zürich sind es mehr als genug. Besonders spannend wird es, wenn ich auf Flightradar nachsehe, woher sie kommen und wohin sie fliegen. Dabei bekomme ich jedes Mal Lust, selbst wieder einmal über den Wolken zu schweben.
Obwohl ich schon unzählige Male geflogen bin, fasziniert mich der Blick aus dem Flugzeugfenster immer wieder: Die Landschaft wird kleiner, Straßen und Häuser verschwimmen zu Linien und Punkten. Was mir am Boden groß und wichtig erscheint, wirkt plötzlich erstaunlich klein.
Fast jedes Mal muss ich dabei an Reinhard Meys berühmtes Lied denken. Er beschreibt darin den Wunsch eines Menschen, der am Flugplatz einem startenden Flugzeug hinterherschaut und selbst gerne mitgeflogen wäre:
„Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.“
„Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen …“
Und schließlich:
„… und dann würde, was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein.“ (Lied live beim ZDF)

Aber wie grenzenlos ist die Freiheit über den Wolken wirklich?
Selbst wer im Cockpit sitzt und ein Flugzeug steuert, ist keineswegs grenzenlos frei. Er muss sich an Navigationsregeln halten, Naturgesetze beachten, den Treibstoff im Blick behalten und auf die Anweisungen der Flugkontrolle reagieren.
Mit Entsetzen denke ich dabei an die Flugzeugkollision von Überlingen im Juli 2002 – nur etwa 20 Kilometer Luftlinie von unserem gewohnten Urlaubsort entfernt. In rund 10.600 Metern Höhe kollidierten kurz vor Mitternacht zwei Flugzeuge. 71 Menschen kamen ums Leben, darunter 49 Kinder. Ausgerechnet dort oben, in dem scheinbar grenzenlosen Himmel, wurde auf erschütternde Weise deutlich: Auch über den Wolken gibt es Grenzen. Und es gibt Gefahren.
Auch Ängste und Sorgen verschwinden natürlich nicht einfach, nur weil wir höher fliegen. Wir nehmen sie mit. Manchmal sitzen sie neben uns im Flugzeug – unsichtbar, aber sehr real. Was allerdings stimmt, ist Reinhard Meys anderer Gedanke: Mit zunehmender Höhe verändert sich unser Blick auf die Dinge. Was uns unten riesig und unüberwindbar erscheint, wird plötzlich klein.
Vielleicht kennen wir das auch aus unserem Alltag. Ein Streit, der uns tagelang beschäftigt, wirkt nach ein paar Wochen schon ganz anders. Eine berufliche Niederlage, die sich zunächst wie eine Katastrophe anfühlt, verliert mit der Zeit an Gewicht. Und manchmal braucht es nur ein wenig Abstand, um zu erkennen: Ich habe gerade etwas viel größer gemacht, als es wirklich war.
Genau hier wird für mich der Gedanke an Gott wichtig. Gott steht nicht nur über den Wolken. Er hat den Überblick, den wir selbst niemals haben können. Er sieht mein ganzes Leben – auch dort, wo ich selbst nur den nächsten Schritt erkennen kann. Das verändert nicht automatisch die schwierigen Situationen. Aber es kann meinen Blick auf sie verändern.
Vielleicht ist das eine der großen Fragen unseres Lebens: Was erscheint mir gerade riesig – und was ist es tatsächlich wert, so viel Raum in meinem Leben einzunehmen?
Die Bibel lädt uns immer wieder dazu ein, das Leben aus einer größeren Perspektive zu betrachten. Nicht, um unsere Sorgen kleinzureden. Sondern um sie in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Denn wir können Ängste und Sorgen manchmal verdrängen, überspielen oder für eine Weile unter den Teppich kehren. Aber wirklich frei werden wir dadurch nicht. Die Freiheit, von der Reinhard Mey singt, ist deshalb für mich mehr als ein schönes Bild vom Fliegen.
Ich glaube: Wirklich frei werden wir dort, wo wir nicht mehr alles selbst kontrollieren müssen. Wo wir unsere Grenzen akzeptieren – und darauf vertrauen, dass einer den Überblick behält, wenn wir ihn verlieren.
Vielleicht beginnt genau dort eine Freiheit, die tatsächlich grenzenlos ist: eine Freiheit, die nicht darin besteht, keine Grenzen zu haben, sondern darin, innerhalb unserer Grenzen nicht von Angst beherrscht zu werden. Eine Freiheit, die nur eine Grenze kennt: die Liebe. (edp)
Abstract:
Limitless freedom above the Clouds?
Whenever I watch planes flying overhead, I am fascinated by the thought of travelling above the clouds. From that height, everything that seems so large and important on the ground suddenly looks tiny and insignificant.
Reinhard Mey’s famous song captures this longing: “Above the clouds, freedom must surely be limitless.” But is it really? Even pilots are bound by rules, nature, fuel and air traffic control. And the tragedy of the 2002 Überlingen mid-air collision, in which 71 people died, reminds us painfully that there are dangers and boundaries even in the seemingly limitless sky.
Our worries do not simply disappear when we rise above them. But distance can change our perspective: problems that seem overwhelming today may look much smaller with time.
For me, this is where faith in God becomes important. God sees the bigger picture when we cannot. True freedom, I believe, does not mean having no boundaries or worries. It means accepting our limits and trusting that we do not have to control everything ourselves. Perhaps that is where a truly limitless freedom begins: not in being free from all boundaries, but in no longer being ruled by fear.
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Resumen
¿Libertad sin límites por encima de las nubes?
Cada vez que veo aviones volando sobre mi cabeza, me fascina la idea de viajar por encima de las nubes. Desde esa altura, todo lo que en tierra parece tan grande e importante de repente se vuelve pequeño e insignificante.
La famosa canción de Reinhard Mey expresa precisamente ese anhelo: «Sobre las nubes, la libertad debe de ser ilimitada». Pero ¿lo es realmente? Incluso los pilotos están sujetos a reglas, a las leyes de la naturaleza, al combustible y a las instrucciones del control aéreo. Y la tragedia de la colisión aérea de Überlingen, en 2002, en la que murieron 71 personas, nos recuerda dolorosamente que incluso en un cielo aparentemente infinito existen límites y peligros.
Nuestras preocupaciones tampoco desaparecen simplemente cuando nos elevamos por encima de ellas. Pero la distancia puede cambiar nuestra perspectiva: los problemas que hoy parecen insuperables pueden adquirir otra dimensión con el tiempo.
Para mí, aquí es donde cobra importancia la fe en Dios. Dios ve el panorama completo cuando nosotros no podemos hacerlo. Creo que la verdadera libertad no consiste en vivir sin límites ni preocupaciones, sino en aceptar nuestras propias limitaciones y confiar en que no tenemos que controlarlo todo. Quizá ahí comienza una libertad realmente ilimitada: no en vivir sin fronteras, sino en no dejar que el miedo gobierne nuestra vida.
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