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Erntedank – noch zeitgemäß?

Für unsere Groß- und Urgroßeltern konnte eine schlechte Ernte über Wohlstand oder Not entscheiden.
Wir leben von der Ernte anderer – und merken es kaum noch. (Foto: analogicus, pixabay.com)

Erntedank. Für viele gehört das Wort irgendwie zum Herbst: geschmückte Kirchen, Körbe mit Äpfeln, Kartoffeln und Kürbissen, vielleicht ein Gottesdienst am Sonntag. Schön – aber auch ein bisschen aus der Zeit gefallen?

Schließlich leben die meisten von uns nicht mehr davon, was auf dem eigenen Feld wächst. Wir gehen in den Supermarkt und finden dort fast alles, was wir brauchen. Erdbeeren im Winter, Bananen aus Südamerika, Tomaten aus Spanien. Die Regale sind voll. Und wenn einmal etwas fehlt, ist das meistens nur eine kurze Irritation.

Unsere Groß- und Urgroßeltern erlebten das anders. Eine schlechte Ernte konnte über Wohlstand oder Not entscheiden. Frost zur falschen Zeit, zu viel Regen oder eine lange Trockenheit waren keine Nachrichten aus der Wetter-App, sondern konnten existenzielle Folgen haben. Man wusste noch sehr unmittelbar: Von der Ernte hängt vieles ab.

Erntedank war deshalb mehr als ein hübscher Brauch. Es war ein Ausdruck der Erleichterung und der Dankbarkeit: Die Ernte ist eingebracht. Wir haben genug zu essen. Wir können dem Winter entgegengehen.

Was ist davon geblieben?

Heute haben wir uns weitgehend von dieser unmittelbaren Abhängigkeit entfernt. Zumindest scheint es so. Denn eigentlich sind wir nach wie vor abhängig – nur sehen wir die Zusammenhänge kaum noch:

  • Hinter einem Brot stehen Getreide, Boden, Regen und Sonne, aber auch die Arbeit eines Landwirts, Maschinen, Transport und viele weitere Menschen.
  • Hinter einem Apfel stehen nicht nur ein Baum und ein Stück Erde, sondern auch Pflege, Wetter, Ernte und Vermarktung.
  • Unser voller Kühlschrank ist das Ergebnis eines riesigen Zusammenspiels.

Vielleicht ist genau das eine moderne Bedeutung des Erntedankfestes: Es erinnert uns daran, dass unser Leben nicht nur aus dem besteht, was wir selbst leisten.

Danken für das, was wir nicht gemacht haben

Das ist auch der ursprüngliche christliche Gedanke des Erntedanks:

  • Der Mensch arbeitet – aber er lässt die Sonne nicht scheinen.
  • Er sät – aber er kann das Wachstum nicht erzwingen.
  • Er kann vieles planen und organisieren, aber längst nicht alles liegt in seiner Hand.

Die Bibel erinnert deshalb immer wieder daran, dass wir Menschen letztlich Empfangende sind. Wir leben von Dingen, die wir uns nicht selbst gegeben haben.

Das kann man sehr religiös verstehen. Man muss es aber nicht. Denn auch wer mit Kirche und Glauben wenig anfangen kann, kennt vermutlich Augenblicke, in denen ihm bewusst wird: Da ist vieles in meinem Leben, das ich nicht selbst gemacht habe.

Menschen, die uns begleiten. Eine Familie. Freundschaften. Gesundheit. Ein Zuhause. Ein Arbeitsplatz. Eine Landschaft, in der wir gerne leben. Ein gutes Gespräch zur richtigen Zeit. Ein Mensch, der uns geholfen hat, ohne etwas dafür zu verlangen. Nichts davon wächst auf einem Feld. Und trotzdem sind es Ernten unseres Lebens.

Vielleicht ist Erntedank heute wichtiger denn je

Früher erinnerte Erntedank daran, dass eine gute Ernte nicht selbstverständlich war. Heute könnte es uns daran erinnern, dass unser ganzes Leben nicht selbstverständlich ist.

Wir haben uns daran gewöhnt, vieles als gegeben hinzunehmen. Wir erwarten, dass Wasser aus dem Hahn kommt, Strom aus der Steckdose und Lebensmittel im Supermarkt liegen. Wir planen unseren Alltag Monate im Voraus und ärgern uns, wenn etwas nicht funktioniert.

Dankbarkeit unterbricht diese Selbstverständlichkeit. Sie zwingt uns nicht, alles schönzureden. Es gibt auch in unserem Leben Missernten: Krankheiten, Enttäuschungen, Verluste und Dinge, die anders gekommen sind, als wir gehofft hatten. Aber vielleicht bedeutet Dankbarkeit gerade nicht, dass alles gut ist. Vielleicht bedeutet sie, das Gute nicht zu übersehen, obwohl nicht alles gut ist.

Was bleibt vom Erntedank? Vielleicht braucht Erntedank deshalb gar nicht unbedingt einen großen Erntealtar. Vielleicht reicht manchmal ein Augenblick, in dem wir innehalten und uns fragen:

  • Was ist mir in diesem Jahr geschenkt worden?
  • Was habe ich bekommen, ohne es verdient oder geplant zu haben?
  • Wofür könnte ich einmal ganz bewusst „Danke“ sagen?

Das christliche Erntedankfest gibt darauf eine klare Antwort: Hinter allem Guten steht letztlich Gott als der Geber des Lebens. Wer das glaubt, kann seinen Dank an Gott richten. Wer sich mit dieser Antwort schwertut, kann trotzdem mit der Frage beginnen. Denn vielleicht ist das Wichtigste am Erntedankfest gar nicht die Ernte. Vielleicht ist es das Danken.

 

Abstract:
In the past, the harvest festival (Thanksgiving) served as a reminder that a good harvest was not something to be taken for granted. Today, it could serve as a reminder that our whole life is not something to be taken for granted.
People work – but they cannot make the sun shine.
They sow – but they cannot force growth.
They can plan and organise many things, but by no means everything is in their hands.
The Bible therefore reminds us time and again that we humans are, ultimately, recipients. We live on things that we have not given to ourselves.

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Resumen
Antes, la fiesta de la cosecha nos recordaba que una buena cosecha no era algo que se diera por sentado. Hoy en día, podría recordarnos que toda nuestra vida tampoco es algo que se dé por sentado.
El ser humano trabaja, pero no hace que luzca el sol.
Siembra, pero no puede forzar el crecimiento.
Puede planificar y organizar muchas cosas, pero no todo está en sus manos, ni mucho menos.
Por eso, la Biblia nos recuerda una y otra vez que, en última instancia, los seres humanos somos receptores. Vivimos de cosas que no nos hemos dado a nosotros mismos.

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Wie undankbar bin ich?

(Foto: Godsgirl_madi, pixabay.com)

[nx_spacer size=“5″]Nach einer Umfrage von 2018 gibt es mehr undankbare Menschen (56 Prozent) als dankbare (21 Prozent; 23 Prozent konnten sich nicht festlegen). Zu welcher Gruppe gehöre ich?

Wer gern und oft Danke sagt, ist nachweislich gesünder, leistungsfähiger und stressresistenter, denn wenn wir uns bedanken, schüttet unser Körper das Glückshormon Serotonin. Paulus wusste das nicht, riet aber den Christen in der Stadt Thessaloniki vor 2000 Jahren:  „Seid dankbar in allen Dingen!“ (1. Thessalonicher 5,18)

Jesus Christus erlebte häufig Undankbarkeit, während er sich bis zur Selbstaufgabe für das Wohl von Menschen einsetzte. Einmal heilte er zehn Leprakranke und nur einer von ihnen (ein „Ausländer“) kam zurück, um sich bei Jesus zu bedanken. Daraufhin fragte er: „Waren es nicht zehn Männer, die gesund geworden sind? Wo sind denn die anderen neun?“ (Lukas 17,17 Hfa)

Es muss kein böser Wille der Grund dafür gewesen sein, dass die anderen nicht kamen, um Danke zu sagen. Mir fielen ein paar mögliche Begründungen ein. Dabei merkte ich, dass es mir möglicherweise auch nicht anderes ergangen wäre:

  • Ich wollte nicht nur mit Worten danken, wollte ein Geschenk suchen, fand aber nichts passendes. (Kenne ich!)
  • Ich wollte ihm danken, da fiel mir ein, dass er wahrscheinlich keinen Dank erwartet, da ließ ich es auch sein. (Es stimmt: Gott hat unseren Dank nicht nötig, wir aber das Danken!)
  • Ich bin sonst nicht undankbar, aber aus lauter Freude habe ich es einfach vergessen! (Danken hat mit Denken zu tun. Gedankenlosigkeit führt zur Undankbarkeit aus Vergesslichkeit.)
  • Warum sollte ich mich bedanken? Ich hatte ein anständiges Leben geführt, ich hielt es für recht und billig, dass Jesus mich heilte. (Nach dem Motto: Mir wird nichts geschenkt, alles, was ich bekomme, steht mir zu, habe ich mir hart verdient.)
  • Warum kam schließlich der eine, der Ausländer, um sich zu bedanken? Vielleicht weil er meinte: Ohne zu atmen, kann ich nicht leben. Danken gehört für mich so zum Leben wie das Atmen!

Ich wünsche mir, dass auch ich nicht leben kann, ohne Danke zu sagen – Gott und meinen Mitmenschen. So häufig wie möglich.

 

English:
I was weeping, because I had no shoes, until I met one, who had no feet. Giacomo Leopardi (Foto)

Español:
Lloraba, porque no tenía zapatos, hasta que conocí a uno que no tenía pies.  Giacomo Leopardi (Foto)