Schlagwortarchiv: Widerspruchlösung

Bringt die Widerspruchslösung die Wende?

Organspende-Logo. Sieger eines von DIATRA durchgeführten Wettbewerbs. (Foto: DIATRA, CCL 4.0 int.)
„Organspendeausweis“ bedeutet nicht, dass man Organspender ist. Es bedeutet nur: Ich habe rechtzeitig eine Entscheidung getroffen ...
... denn es gibt fünf Alternativen zum Ankreuzen.

Beim Thema Organspende richten sich viele Blicke nach Spanien: Mit einer Quote von regelmäßig über 50 Spendern pro Million Einwohner verzeichnet Spanien die höchste Spenderzahl weltweit und übertrifft den Durchschnitt der Europäischen Union um mehr als das Doppelte.

Greift die verbreitete Formel „Spanien hat die Widerspruchslösung, deshalb gibt es dort so viele Organspenden“ zu kurz? So ist es: Die Widerspruchslösung ist ein Baustein des spanischen Erfolgs, aber nicht der entscheidende alleinige Grund. Spanien hat seit 1989 ein umfassendes „Spanisches Modell“ aufgebaut, in dem Organisation, Krankenhausstrukturen, Transplantationskoordinatoren, Ausbildung, Qualitätskontrolle und Öffentlichkeitsarbeit zusammenspielen.

1. Der Unterschied zwischen Deutschland und Spanien ist tatsächlich enorm

2024 hatte Spanien 53,9 Organspender pro Million Einwohner; Deutschland kam 2025 auf 11,8 pro Million. Die Jahre sind nicht identisch, aber die Größenordnung zeigt den gewaltigen Unterschied.

Interessant ist aber der Blick auf andere Länder mit Widerspruchslösung. 2024 lagen beispielsweise:
• Portugal: 36,7
• Tschechien: 34,3
• Belgien: 32,8
• Kroatien: 31,0
• Finnland: 28,9
• Frankreich: etwa 28
• Spanien: 53,9

Die Widerspruchslösung führt also keineswegs automatisch zu spanischen Verhältnissen.

2. Was ist das Besondere am spanischen Modell?

Die spanische Nationale Transplantationsorganisation (Organización Nacional de Trasplantes, ONT) selbst betont ausdrücklich, dass das „Modelo Español“ nicht einfach aus der Widerspruchslösung besteht. Es umfasst unter anderem:

  • eine Koordination auf nationaler, regionaler und Krankenhausebene,
  • speziell ausgebildete Transplantationskoordinatoren in den Krankenhäusern,
  • häufig Intensivmediziner als Koordinatoren,
  • eine aktive Suche nach möglichen Organspendern,
  • systematische Qualitätskontrolle des gesamten Spendeprozesses,
  • kontinuierliche Ausbildung des medizinischen Personals,
  • eine zentrale Organisation, die die Abläufe zwischen Krankenhäusern und Transplantationszentren koordiniert.

Besonders interessant ist die Rolle der Krankenhauskoordinatoren. Sie warten nicht darauf, dass irgendwo ein Organspendeausweis auftaucht. Sie sind in den Krankenhäusern eingebunden und helfen dabei, mögliche Spender überhaupt zu erkennen und den gesamten Prozess professionell zu begleiten.

3. Und was ist mit der Familie?

Man könnte denken: Widerspruchslösung bedeutet, dass die Ärzte einfach Organe entnehmen dürfen, wenn der Verstorbene zu Lebzeiten nicht widersprochen hat. So funktioniert Spanien in der Praxis nicht. Die spanische ONT erklärt ausdrücklich: Gibt es keine dokumentierte Willenserklärung, wird die Familie einbezogen. Die Organisation geht davon aus, dass Angehörige den Willen des Verstorbenen respektieren.

Das bedeutet: Auch bei der Widerspruchslösung bleibt das Gespräch mit den Angehörigen ein zentraler Bestandteil. Damit wird ein weiterer Punkt deutlich: Entscheidend ist nicht nur, was im Gesetz steht, sondern auch, wie Ärzte, Pflegekräfte und Koordinatoren mit den Angehörigen sprechen.

4. Haben andere Länder die gleiche Erfahrung gemacht?

Nein. Und genau das macht die Sache wissenschaftlich spannend. Untersuchungen über viele Länder zeigen zwar einen Zusammenhang: Länder mit Widerspruchssystemen haben im Durchschnitt höhere Raten an postmortalen Spendern. Eine internationale Untersuchung von 48 Ländern fand beispielsweise höhere Raten verstorbener Spender.

Aber andere Studien kommen zu einer wesentlich vorsichtigeren Einschätzung. Eine Analyse kommt beispielsweise zu dem Ergebnis, dass der unmittelbare Effekt der gesetzlichen Voreinstellung nur einen relativ kleinen Teil der tatsächlichen Spendeentscheidungen betrifft – insbesondere, weil Angehörige und die konkrete Organisation des Spendeprozesses eine große Rolle spielen.

Das spanische Ergebnis lässt sich deshalb nicht einfach auf das Gesetz reduzieren.

5. Was könnte Deutschland von Spanien lernen?

Vier Punkte springen besonders ins Auge:

1. Organspende wird als Prozess organisiert.
Nicht erst am Ende des Lebens wird gefragt: „Hat der Patient einen Organspendeausweis?“ Das Krankenhaus hat Strukturen, um mögliche Spender frühzeitig zu erkennen.

2. Es gibt professionelle Ansprechpartner.
Die spanischen Transplantationskoordinatoren sind ein wesentlicher Bestandteil des Systems.

3. Die Angehörigen werden nicht als Hindernis betrachtet.
Das Gespräch mit der Familie gehört zum Prozess. Die spanische Erfahrung zeigt, wie wichtig Vertrauen, Kommunikation und professionelle Begleitung sind.

4. Das System wird ständig überprüft.
Spanien hat ein eigenes Qualitätsprogramm entwickelt, mit dem untersucht wird, wo im Prozess mögliche Spender „verloren gehen“.
Und noch etwas ist bemerkenswert: Spanien hat seine hohen Zahlen nicht erst durch die Diskussion um die Widerspruchslösung erreicht. Die entscheidende Entwicklung begann bereits mit dem Aufbau der ONT und des spanischen Modells ab 1989. Die ONT beschreibt einen Anstieg von etwa 14 Spendern pro Million Einwohner damals auf heute mehr als 50.

Fazit

Spanien zeigt nicht, dass die Widerspruchslösung funktioniert. Spanien zeigt vielmehr, was möglich ist, wenn eine Widerspruchslösung in ein funktionierendes System eingebettet wird.

Drei Meinungen dazu und zur Pro- und Contra-Diskussion:
  • Mehr Organspenden erreiche man nicht durch eine Widerspruchsregelung, sondern durch umfassende Aufklärung, niedrigschwellige Registrierungsmöglichkeiten und strukturelle Verbesserungen in den Kliniken, meint der CSU-Abgeordnete Stephan Pilsinger, Mitinitiator des eingebrachten Antrags gegen die Widerspruchsregelung.
  • Der SPD-Abgeordnete Stefan Schwarze meint, eine Widerspruchsregelung bedeute weder einen Zwang noch eine Pflicht zur Organspende. Ein „Nein“ werde jederzeit und ohne Begründung verbindlich respektiert.
  • Ich persönlich verstehe die Aufregung um die Debate Zustimmungslösung vs. Widerspruchslösung nicht: Wieso soll die Widerspruchslösung Zwang zur Organspende bedeuten? Wieso soll diese Lösung eine Verletzung der Selbstbestimmung sein? Wieso soll dadurch der Körper im Todesfall zum Objekt des Staates oder der Medizin werden, sodass die persönliche Integrität nicht gewahr bleibt? Wieso soll mit dieser angedachten Regelung aus der Organspende eine „Organabgabe“ unvereinbar mit der Menschenwürde werden? Und last but not least: Wieso soll die Widerspruchslösung eine Belastung für die Hinterbliebene bedeuten?
    (Fast) jeder Mensch kann sich rechtzeitig mit dem Thema befassen und dann per Patientenverfügung und Organspendeausweis seine Entscheidung treffen – unabhängig von der dann geltenden gesetzlichen Regelung. Bisher mussten diejenigen aktiv werden, die spenden wollen, mit der Widerspruchsregelung müssten jene aktiv werden, die sich gegen die Organspende aussprechen. Bei der Einschränkung „fast jeder Mensch kann …“ denke ich an Menschen mit Sprachbarrieren, geringem Bildungsstand oder kognitiven Einschränkungen – in diesen Fällen wäre natürlich eine angemessene, verständliche Aufklärung und Beratung nötig und sicher auch möglich.

Näheres zum Thema:

 

Abstract:
When it comes to organ donation, many eyes turn to Spain: with a rate regularly exceeding 50 donors per million inhabitants, Spain has the highest number of donors worldwide and is more than double the European Union average.
Does the common assumption that ‘Spain has the opt-out system, which is why there are so many organ donations there’ fall short? That is indeed the case: the opt-out system is a key component of Spain’s success, but it is not the sole decisive factor. Since 1989, Spain has developed a comprehensive ‘Spanish model’ in which organisation, hospital structures, transplant coordinators, training, quality control and public relations work together..

To translate the current homepage to English, you can use the translation function in your web browser.

Resumen
Cuando se habla de donación de órganos, muchos miran hacia España: con una tasa que suele superar los 50 donantes por cada millón de habitantes, España registra el mayor número de donantes del mundo y supera en más del doble la media de la Unión Europea.
¿Se queda corta la típica frase de que «España tiene el sistema de presunción de consentimiento, por eso hay tantas donaciones de órganos»? Así es: el sistema de presunción de donante es un pilar del éxito español, pero no es la única razón decisiva. Desde 1989, España ha ido construyendo un «modelo español» integral en el que se combinan la organización, las estructuras hospitalarias, los coordinadores de trasplantes, la formación, el control de calidad y la divulgación.

Para traducir esta página web al español, puedes usar la función de traducción de tu navegador.

Zur aktuellen Wochenseite (wird i. d. Regel am Sonntagabend aktualisiert)